Steinhofen An vertriebene „Zigeuner“ erinnern

Auf Wunsch von Paul Münch (links) wird mit einer Gedenktafel an die Vertreibung der Steinhofener „Zigeuner“ und an deren Anwalt Julius Klink erinnert.
Auf Wunsch von Paul Münch (links) wird mit einer Gedenktafel an die Vertreibung der Steinhofener „Zigeuner“ und an deren Anwalt Julius Klink erinnert. © Foto: Sabine Hegele
Steinhofen / Sabine Hegele 14.06.2018
Am Platz des heutigen Kindergartens Spatzennest in Steinhofen wird eine Gedenktafel für vertriebene „Zigeuner“ errichtet.

Schon vor gut einem Jahr hatte Prof. Dr. Paul Münch bei der Gemeinde Bisingen den Antrag gestellt, am Platz des heutigen Kindergartens Spatzennest eine Gedenktafel anzubringen, die an die Vertreibung der Steinhofener „Zigeuner“ und deren Anwalt Julius Klink erinnern soll. Am Dienstagabend gab der Bisinger Gemeinderat seine Zustimmung.

Das freute Paul Münch, der dem Gremium seine Beweggründe und ebenso die Geschichte der Steinhofener „Zigeuner“ erläuterte. Zwischen 1932 und 1938 konnten fahrende Händler und Handwerker ihre Planwagen auf dem Gelände des Gasthofs „Sonne“ an der Schweizer Straße abstellen oder sich einmieten. Für diese „Zigeuner“ und „nach Zigeunerart herumziehende Personen“, wie man sie damals nannte, war ein fester Wohnsitz die Voraussetzung für die Erteilung von Wandergewerbebescheinigungen durch die preußischen Behörden in Sigmaringen.

Die ständige Anwesenheit dieser Menschen stieß in Steinhofen, das damals noch eine selbstständige Gemeinde war, auf breiten Widerstand. Dieser verschärfte sich mit Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft. „Zigeuner“ galten nach 1933 wie die Juden als Angehörige „artfremder Rassen“. Man sah in ihnen einen „biologischen Fremdkörper“, auf dessen „zerstörenden Einfluss unser blut- und rassemäßig harmonisch gestalteter Volkskörper zwangsläufig mit Entartung antworten“ müsse. Auf der Grundlage der im September 1935 verkündeten Nürnberger Gesetze „zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“ versuchten in der Folge die von den NS-Organisationen massiv gedrängten staatlichen Behörden, vom Gemeinderat über das Hechinger Landratsamt bis zum Sigmaringer Regierungspräsidium, die ungeliebten Landfahrer loszuwerden. In Steinhofen kam es als Folge gewalttätiger Auseinandersetzungen zu mehreren Abschiebeversuchen. Sie scheiterten, weil es im Dorf einen Mann gab, der damit nicht einverstanden war und für ein Bleiberecht der „Zigeuner“ eintrat: „Sonnen“-Wirt Julius Klink, der nebenberuflich als gelernter Rechtskonsulent tätig war und gerichtlich gegen die Abschiebungen klagte. Mit Hilfe des Hechinger Rechtsanwalts Paul Schellhorn konnte er noch im Dezember 1935 beim Berliner Oberverwaltungsgericht ein Aufenthaltsrecht für seine Klientel erstreiten. Die Vertreibung der „Zigeuner“ klappte erst nach der Eingemeindung Steinhofens nach Bisingen am 1. April 1938. Schnell wurden sie im Steinhofener Schafstall eingepfercht – ziemlich genau vor 80 Jahren. Am 8. und 9. Juni flüchteten die letzten Angehörigen der Familien Reinhardt, Spindler und Winter aus dem Schafstall. Mit dem Entzug der Wirtschaftskonzession wurde schließlich auch Julius Klink die Lebensgrundlage im Dorf genommen. Er verkaufte die „Sonne“ und zog nach Lindau, wo er sich eine neue Lizenz als Gastwirt aufbaute.

In der Sitzung des Gemeinderats machte Paul Münch deutlich, dass die Vertreibung der als „Zigeuner“ diffamierten Steinhofener Familien in einer Zeit, da Fremdenfeindlichkeit und rassistische Argumentationen wieder aufleben, ebenso wenig vergessen werde dürfe wie das außergewöhnlich mutige Eintreten von Julius Klink für eine allseits verfolgte Minderheit. Bürgermeister  Waizenegger und der Gemeinderat sehen das nicht anders. Die Gestaltung der Gedenktafel werden Paul Münch und die Verwaltung gemeinsam erarbeiten.

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