Unternehmen Sanierung geplatzt: Bei Kress läuft die Produktion aus

2012 hatte der Elektrowerkzeugehersteller Kress in Bisingen erstmals einen Insolvenzantrag gestellt. Für die damals über 150 Mitarbeiter war es ein Schock. Momentan hat Kress noch 37 Beschäftigte, viele von ihnen bangen seit Jahren um ihren Job.
2012 hatte der Elektrowerkzeugehersteller Kress in Bisingen erstmals einen Insolvenzantrag gestellt. Für die damals über 150 Mitarbeiter war es ein Schock. Momentan hat Kress noch 37 Beschäftigte, viele von ihnen bangen seit Jahren um ihren Job. © Foto: Hardy Kromer
Bisingen / Von Stephanie Apelt 05.10.2017

Es scheint am Ende alles nichts genutzt zu haben. Der Bisinger Elektrohersteller Kress-elektrik GmbH & Co. wird, das wurde am Donnerstag bekanntgegeben, im Rahmen einer sogenannten Ausproduktion heruntergefahren, das heißt, der Betrieb wird nur noch so lange weitergeführt, bis alle Aufträge abgearbeitet sind, dann wird das Licht ausgemacht. Außer es geschieht noch ein Wunder.

Am Donnerstag ließ die Kress-Geschäftsführung im Auftrag des Insolvenzverwalters Jochen Sedlitz mitteilen, dass der Insolvenzplan, in den die momentan noch 37 Mitarbeiter ihre Hoffnung setzten, „auf unabsehbare Zeit nicht umgesetzt“ werden könnte. Schuld seien steuerliche Gründe.

Dabei hatte es im Februar dieses Jahres noch so ausgesehen, als ob es Licht am Ende des Tunnels gäbe. Doch durch eine neue Rechtsprechung des Bundesfinanzhofes sei der bis dahin von der Finanzverwaltung angewandte Sanierungserlass gekippt worden, was zur Folge habe, „dass reine Buchgewinne, die aus dem Verzicht auf Forderungen von Gläubigern im Rahmen von Unternehmenssanierungen entstehen, plötzlich grundsätzlich steuerpflichtig sind“, so Sedlitz am Donnerstag. Verzichten beispielsweise die Gläubiger gegen ein Unternehmen in einem Insolvenzverfahren auf Forderungen in Höhe von drei Millionen Euro,  wird das für das insolvente Unternehmen als Einnahme angenommen. „Wenn dann nicht genügend Verlustvorträge vorhanden sind, die den daraus resultierenden steuerlichen Gewinn ausgleichen, führt dies grundsätzlich zu einer erheblichen Steuerbelastung für das Unternehmen, welche die Sanierung scheitern lässt.“

Momentan noch 37 Mitarbeiter

„Bei Kress wäre die dadurch zu erwartende Steuerlast so hoch gewesen, dass eine Unternehmenssanierung ausgeschlossen ist“, so der Insolvenzverwalter. Daher habe der beabsichtigte Insolvenzplan nicht eingebracht und das Unternehmen so aus der Insolvenz entlassen werden können.

Zwar habe der deutsche Gesetzgeber ungewöhnlich schnell reagiert und eine neue gesetzliche Regelung erlassen, die die Nichtbesteuerung solcher Buchgewinne im Rahmen von Sanierungen und damit zum Erhalt von Arbeitsplätzen vorsehe. Allerdings sei dieses Gesetz noch nicht in Kraft. Es hänge noch davon ab, ob die Europäische Union dem Gesetz zustimmt.

„Nachdem zahllose Sanierungen in Deutschland durch die neue Rechtsprechung unmöglich gemacht wurden, haben wir nach der schnellen Reaktion des deutschen Gesetzgebers gehofft, dass auch zeitnah die Zustimmung der EU erfolgt. Dies ist jedoch bis heute nicht der Fall, so dass niemand sagen kann, welche steuerlichen Risiken durch den beabsichtigten Insolvenzplan ausgelöst werden, was gleichfalls für jeden Investor untragbar ist“, so Sedlitz.

„Dadurch, dass wir eigentlich seit März aus dem Verfahren ausgeschieden sein wollten, hätte das Unternehmen ganz andere Umsätze erzielen können.“ So sei Zurückhaltung am Markt und bei den Kunden geblieben, was den Insolvenzverwalter dazu veranlasst hat, das Unternehmen in eine Ausproduktion zu führen.

Belegschaft hat gekämpft

„Die gesamte Belegschaft sowie alle anderen Beteiligten haben monatelang gekämpft und sehr viel geleistet. Es ist aber aus insolvenzrechtlicher Sicht nicht möglich, dieses Vakuum weiter fortzuführen, nachdem Belegschaft und Kunden Sicherheit brauchen und die Umsätze durch das Zuwarten stagnieren“, erläutert der Insolvenzverwalter. Er habe daher, so wurde am Donnerstag erklärt, gemeinsam mit dem Management beschlossen in die Ausproduktion zu gehen und das Unternehmen so über kurz oder lange herunterzufahren.

Für Teile des Unternehmens seien Interessenten vorhanden, so dass die Hoffnung bestehe, zumindest Teilbereiche erhalten zu können.

Alle Kunden hätten die Möglichkeit, weiterhin Kress Produkte zu bestellen. Gleichfalls sei die Ersatzteilversorgung nicht gefährdet. Kress werde in den nächsten Wochen mit allen Kunden sprechen und auf dieser Basis einen Plan erarbeiten, der alle Interessen bestmöglich berücksichtigen soll.

Sedlitz ist enttäuscht: „Es ist zum Haare ausraufen, wenn man trotz der schwierigen Lage eine Lösung schafft, diese dann aber aufgrund eines neuen Urteiles nicht umsetzen kann. Wäre dieses nur zwei Monate später veröffentlich worden, hätte uns das nicht tangiert. Auch ist es aus meiner Sicht einfach untragbar, dass das neue Gesetz zur Regelung der Steuerfreiheit der Sanierungsgewinne noch immer nicht in Kraft ist. Das muss man mal einem Arbeitnehmer erklären.“

Eine Ansicht, der von Gewerkschaftsseite zugestimmt wird. Das Urteil des Bundesfinanzhofes sei „einfach völlig idiotisch“, ärgert sich Walter Wadehn, 1. Bevollmächtigter der IG Metall Albstadt. „Das macht jegliche Insolvenzhoffnung kaputt.“ Wadehn begleitet den Leidensweg des Bisinger Elektrowerkzeugehersteller seit vielen Jahren. Kress habe jetzt tatsächlich das Pech gehabt, in die Räder der neuen Rechtsprechung zu kommen.

Noch laufen die Löhne geregelt, für die Mitarbeiter bei Kress habe es dieses Jahr sogar eine Lohnerhöhung gegeben. „Jeder Monat, den der Betrieb weiter läuft, ist ein Geschenk“, meint Wadehn in aller Deutlichkeit. Er hofft, dass die Ausproduktion möglichst lange läuft, „gut ein halbes, vielleicht ein dreiviertel Jahr“. Wadehn jedenfalls will bis zum Schluss um die 37 Arbeitsplätze bei Kress kämpfen. „Die Hoffnung stirbt bekanntlich zum Schluss.“ Vielleicht kommt ja doch noch von irgendwoher ein Käufer.

Ein Unternehmen mit über 85-jähriger Tradition

Mit Umsatzrückgängen hatte der Bisinger Elektrowerkzeugehersteller Kress, der immerhin auf eine über 85-jährige Geschichte zurückblickt, schon lange zu kämpfen, die Krise im europäischen Wirtschaftsraum traf Kress mit voller Wucht. Im September 2012 meldete Kress erstmals Insolvenz an. Für die damals gut 150 Mitarbeiter war das ein Schock. Immerhin, der Geschäftsbetrieb ging weiter.

Anfang 2013 übernahm das Balinger Unternehmen Krug & Priester das angeschlagene Bisinger Unternehmen. Einige der Kress-Mitarbeiter waren inzwischen von selbst gegangen, knapp 100 der zuletzt rund 130 Beschäftigten wurden übernommen, rund 30 wechselten in eine Transfergesellschaft. Doch das Zusammenspiel währte nicht lange. Gerade einmal zwei Jahre, nachdem Krug & Priester, die insolvente Firma Kress übernommen hatte, wurde diese Anfang 2015 an die Münchner Beteiligungsgesellschaft Callista verkauft, 2016 an ein Unternehmen aus Österreich weiterverkauft.

Im Mai 2016 kam dann der erneute Insolvenzantrag. Seither führte Insolvenzverwalter Jochen Sedlitz von der Kanzlei Menold Bezler in Stuttgart den Betrieb. Die Suche nach einem Käufer, der gewillt war, die Finanzierungslücke des Bisinger Unternehmens zu schließen, gestaltete sich jedoch als äußerst schwierig. Ein Erhalt des Unternehmens in der bisherigen Form, so die Feststellung im Dezember 2016, sei nicht möglich.

Ein radikaler Schnitt sollte helfen. Insolvenzverwalter Sedlitz erstellte einen Insolvenzplan, der den Erhalt von Kress mit neuem Eigentümer zum Ziel haben und den Geschäftsbetrieb in eingeschränkter Form, mit weniger Arbeitsplätzen, fortführen sollte. Im Februar 2017 wurde bekannt gegeben, dass Dr. Schmidt & Collegium, mit Sitz in Düsseldorf, als Käufer einsteigen würden. sta

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