Bisingen/Zollernalbkreis Gewerkschafter durch und durch

Salvatore Bertolino ist ein waschechter Italo-Schwabe. Der gelernte Fernmeldehandwerker und jetzige Vorsitzende der Verdi-Senioren Zollernalb lebt seit Jahrzehnten in Unterdigisheim. Internationalität prägt sein Leben.
Salvatore Bertolino ist ein waschechter Italo-Schwabe. Der gelernte Fernmeldehandwerker und jetzige Vorsitzende der Verdi-Senioren Zollernalb lebt seit Jahrzehnten in Unterdigisheim. Internationalität prägt sein Leben. © Foto: Stephanie Apelt
Bisingen/Zollernalbkreis / Klaus Irion 30.08.2018
Die Verdi-Senioren Zollernalb laden am 1. September zum Antikriegstag ins Museum nach Bisingen.

Ein rebellischer junger Mann sei er einst gewesen, sagt Salvatore Bertolino über sich selbst. Bereut hat er das nicht, im Gegenteil: „Es stärkt den eigenen Charakter, wenn man gegen alle Widerstände seiner Meinung treu bleibt.“ Beharrlichkeit war dann auch eine Charaktereigenschaft, die ihm im Berufsleben zugute kam. Spätestens als der gelernte Fernmeldehandwerker und spätere Fachwirt über viele Jahre als freigestellter Betriebsrat der Telekom-Niederlassung in Rottweil die Interessen der dortigen Belegschaft vertrat.

Geboren wurde Salvatore Bertolino 1958 in Palermo. Seine sizilianische Heimat hat er aber nur in den ersten vier Lebensjahren kennengelernt. „Dann bin ich mit meinen Eltern nach Schwenningen am Neckar gezogen.“ Dort ist er passtechnisch als Italiener aufgewachsen und zur Schule gegangen.

In Sizilien geboren

Gleichwohl wurde Deutschland zu seiner Heimat. Als die Bundesrepublik vor vielen Jahren ihr Einbürgerungsrecht dahingehend änderte, dass EU-Bürger die doppelte Staatsangehörigkeit erhalten konnten, zögerte Salvatore Bertolino keine Sekunde und ließ sich auch einen deutschen Pass ausstellen.

Internationalität ist so etwas wie ein Markenzeichen der Familie Bertolino. „Unser Schwiegersohn hat türkische Wurzeln, unsere Schwiegertochter stammt aus Teneriffa“, sagt der dreifache Vater und dreifache Großvater, der einst der Liebe wegen nach Unterdigisheim gekommen ist. „Meine Frau ist sehr heimatverbunden, sie wollte nie aus ihrer Gemeinde fortziehen.“ Doch längst kann sich auch der Deutsch-Italiener kaum mehr ein idyllischeres Lebensumfeld vorstellen.

Inzwischen bleibt ihm auch mehr Zeit, dieses zu genießen, er ist in passiver Altersteilzeit. Zeit, die ihm nun auch für seine Arbeit für die Verdi-Senioren Zollernalb zur Verfügung steht. Seit Anfang des Jahres ist er in Nachfolge von Rudi Seegis deren Vorsitzender. Salvatore Bertolino ist schon seit Jahrzehnten Gewerkschafter. War über viele Jahre Vorsitzender des Verdi-Ortsvereins Rottweil.

Er hat auch noch die Zeiten miterlebt, als er und seine Kollegen unter der Flagge der Deutschen Postgewerkschaft die Tarifverhandlungen führten. Mit dem Zusammenschluss verschiedener Gewerkschaften unter dem Dach von Verdi wurden auch die früheren Postler gewerkschaftlich gesplittet. „Heute gehören IT und Telekommunikation zum Verdi-Fachbereich 9, die Postmitarbeiter zum Fachbereich 10“, so Bertolino.

Bei den Verdi-Senioren spielt diese Unterscheidung keine Rolle. Dafür gibt es nach Meinung des Vorsitzenden noch „zu viel Abschottung“ zu den Senioren der übrigen Verdi-Fachbereiche. Diese Mauer aufzubrechen oder noch besser einzureißen, das hat sich Salvatore Bertolino auf die Gewerkschaftsfahnen geschrieben.

„Es ist nicht mehr die Frage, ob wir uns öffnen, es ist nur noch die Frage, wie wir uns öffnen“. Natürlich wisse er um die Geschichte der stolzen Einzelgewerkschaften mit den ganz eigenen Traditionen. „Aber eine Gewerkschaft ist kein Museum, jede entwickelt sich weiter.“ Dies will Bertolino seinen Verdi-Senioren behutsam vermitteln.

Der hiesige Verdi-Bezirk zählt derzeit rund 2000 Mitglieder in Betrieben beziehungsweise Dienstleistungsunternehmen. Seit dem Jahr 2000, dem Jahr der Verdi-Gründung, gibt es auch die Seniorenarbeit innerhalb der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft.

In Unterdigisheim heimisch

Für den Unterdigisheimer eine Selbstverständlichkeit, denn die Renten seien stets von den Einkommen der noch Arbeitenden abhängig. „Ohne entsprechendes Einkommen keine entsprechenden Renten.“ Diese Kausalität zeige, dass es geboten sei, die Solidarität zwischen den Generationen zu fördern.

Und so zeigen sich die Verdi-Senioren auch häufiger bei Streikaktionen der Berufstätigen solidarisch. Sind mit an der Streikfront oder sorgen für die Verpflegung. Und das aus Sicht des Senior-Gewerkschafters mit zunehmender Notwendigkeit. „Denn die Streikbereitschaft bei Verdi-Mitgliedern ist meiner Beobachtung nach in den vergangenen Jahren auch im Zollernalbkreis gestiegen.“

Bertolino verweist zuvorderst auf die Streiks des Personals am Zollernalbklinikum. Er legt seine Finger aber auch in andere Wunden und echauffiert sich darüber, „dass manch eine Kommune stolz ihr Fair-Trade-Siegel präsentiert, sich aber andererseits längst aus dem Tarifverbund verabschiedet hat“. Aber es säßen eben auch immer viele Beamte und Selbstständige in den Ratsgremien. „Und die haben bei solchen Dingen häufig andere Sichtweisen.“

Drei Ziele treiben den Senioren-Gewerkschafter um. Das ist zum einen der Tag der Arbeit am 1. Mai, den er sich auch in der Provinz wieder etwas feierlicher begangen wünscht. „Schön wäre auch, wenn wir eines Tages den Internationalen Friedenstag am 1. September deutlicher im Gedächtnis der Menschen etablieren könnten.“ Mit Glanz in den Augen erinnert sich Bertolino in diesem Zusammenhang an die Menschenketten der 1980er-Jahre zurück, an denen sich der Friedensbewegte auch aktiv beteiligt hatte.

Und dann ist da noch ein ganz persönlicher Wunsch Bertolinos an Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut: „Es wäre toll, wenn die Ministerin bei Firmenbesuchen jedes Mal auch den jeweiligen Betriebsrat in den Gesprächskreis aufnehmen und sich insgesamt mehr um das Thema Mitbestimmung kümmern würde.“ Denn das Recht auf Mitbestimmung gehört für den Verdi-Mann zu den Grundzügen einer funktionierenden Demokratie.

Und jene sieht er mehr und mehr in Gefahr. In seiner schwäbischen Heimat genauso wie in seinem Geburtsland. „Meine Verbindungen nach Italien nehmen Jahr für Jahr ab, aber ich verfolge sehr wohl noch, was sich dort politisch tut.“ Und das gefällt Bertolino so gar nicht. „Was die Lega und die Fünf-Sterne-Bewegung anrichten, gleicht dem Treiben der AfD in Deutschland.“ Die Lega mache zudem massiv Stimmung gegen Deutschland. Dabei würden die moralischen Grenzen immer mehr unter die Gürtellinie verschoben. Für Bertolino ist daher wichtig: „Alle Demokraten müssten hier wie dort zusammenstehen und die Populisten in ihrem Tun entlarven.“

Audienz beim Papst

Für sein jahrzehntelanges Bemühen um Verständigung auf verschiedenen Ebenen wurde Salvatore Bertolino im Jahr 2000 eine besondere Ehre zuteil. Er war damals zum Neujahrsempfang von Bundespräsident Johannes Rau ins Schloss Bellevue eingeladen. „So etwas vergisst man natürlich nicht“, sagt Bertolino und strahlt. Genauso wenig wie die Audienz bei Papst Johannes Paul II. im Jahr 1982 im Rahmen einer Reise einer Jugendgruppe nach Rom.

Einladung zum Antikriegstag am 1. September in Bisingen

Motto „Nie wieder Krieg“! Abrüsten statt Aufrüsten! unter diesem Motto steht der Antikriegstag am 1. September. Die Verdi-Senioren Zollernalb veranstalten zusammen mit dem DGB Neckar Alb und den IGM  Senioren Albstadt im Museum in Bisingen, Kirchstraße 15, den Antikriegstag. Beginn ist um 14 Uhr.

Programm Der Hechinger Historiker Rolf Vogt schildert in seinem Vortrag: „Krieg in der Heimat: die Verhältnisse auf dem Fliegerhorst Grosselfingen“. Georg Sattler aus Wurmlingen wird die Feier musikalisch umrahmen. Mit einer Ausstellung wird die Geschichte des Fliegerhorsts Grosselfingen dargestellt. Desweiteren werden die schrecklichen Zerstörungen im Zollernalbkreis durch den Luftkrieg gezeigt.

Tag des Mahnens „Gerade in der heutigen Zeit ist es wichtig, dass diese Gedenkfeier zum Antikriegstag als Tag des Mahnens vor den zerstörerischen Folgen des Nationalismus und Faschismus begangen wird“, so der Vorsitzende der Verdi-Senioren Salvatore Bertolino. Eingeladen sind alle, die sich gegen die Gräueltaten der Nazis und gegen die heute weit verbreiteten rechtsradikalen Tendenzen sind.

Petition Überdies fordern der DGB und seine Mitgliedsgewerkschaften eine stärkere und bessere Kontrolle von Waffenexporten. „Wir lehnen Waffenexporte in Krisen- und Konfliktgebiete sowie an diktatorische und autokratische Regime grundsätzlich ab. Stattdessen treten der DGB und seine Mitgliedsgewerkschaften für eine Politik der Abrüstung und Rüstungskonversion ein. Wir unterstützen deshalb die friedenspolitische Initiative ,Abrüsten statt Aufrüsten’ und rufen anlässlich des Antikriegstags öffentlich dazu auf, die Petition dieser Initiative gegen das Zwei-Prozent-Ziel der Bundesregierung zu unterzeichnen.“ (https://abruesten.jetzt/).

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