Bisingen/Geislingen Raub-Prozess: Die Angst ist einfach immer da

Drei Raubüberfalle werden derzeit vor dem Landgericht Hechingen verhandelt. Der Angeklagte wollte bislang keine Angaben machen.
Drei Raubüberfalle werden derzeit vor dem Landgericht Hechingen verhandelt. Der Angeklagte wollte bislang keine Angaben machen. © Foto: Archiv
Bisingen/Geislingen / Rosalinde Conzelmann 12.07.2018
Am zweiten Prozesstag um Raubüberfälle in Bisingen, Geislingen und Derendingen berichtete eine Angestellte von den Folgen der Tatnacht.

Nachdem am ersten Prozesstag lediglich die Anklageschrift verlesen wurde, begann am Mittwoch vor der ersten großen Strafkammer die Befragung von Zeugen, die zu dem versuchten Raub in der Bisinger Kneipe und Spielothek Buckis Bar sowie zu den Überfällen auf die Geislinger Shell-Tankstelle und eine Spielhalle in Tübingen Angaben machen konnten.

Der Vorsitzende Richter Hannes Breucker hatte zuvor direkt das Wort an den Angeklagten gerichtet: „Sie haben immer noch die Gelegenheit, jederzeit Angaben zu ihrer Person und zur Sache zu machen.“ Die Verteidigerin des 31-Jährigen kündigte daraufhin an, dass „wir dran sind an einer Einlassung zu seiner Person“

Die 35-jährige Barkeeperin ist am Abend des 24. Januar 2017 in „Buckis Bar“ bereits am Putzen, als kurz vor 23 Uhr ein maskierter Mann mit Pistole das Lokal betritt. „Ich habe ihn mit Namen angesprochen, weil ich zuerst dachte, dass ich ihn kenne“, berichtet die erste Zeugin, gegen die in dieser Sache ein Strafvereitlungsverfahren geführt und eingestellt worden ist. Es gab den Verdacht, dass sie den Angeklagten habe schützen wollen.

Die 35-Jährige erzählt, dass sie immer zu geredet und ihn in ein Gespräch verwickelt habe: „Ich wollte ihn durcheinander bringen.“ Einmal stockt sie und weint. Er habe auf ihre Aufforderung hin die Pistole weggelegt. Seine Forderung nach Geld habe sie abgeschlagen: „Nein, Du bekommst das Geld nicht.“ Sie habe ihm dann einfach einen Namen gegeben, Dimitri, und gesagt, dass sie drei Kinder hat. Er sei immer in Bewegung gewesen, habe die Schubladen durchsucht und irgendwann gebeten, ob er sie umarmen dürfe. Als das Telefon klingelte, habe er sich aus ihrer Umarmung gelöst. Ebenso habe er auf ihre Bitte hin die Maske abgenommen, als ihre Kollegin an die abgeschlossene Vordertür klopfte. „Danach war er verschwunden und ich bin zusammengebrochen“, sagt sie und fügt an: „Ich habe die ganze Zeit nur an meine Kinder gedacht.“

Die 740 Euro, die in der Kasse sind, hat der Täter nicht angerührt. „Diese Augen verfolgen mich bis heute“, sagt die 35-Jährige. Auf Nachfrage des Gerichts beschreibt sie sie als „kasachische Augen“. Er habe nicht betrunken gewirkt, beantwortet die Zeugin die Frage des psychiatrischen Sachverständigen und sagt, dass sie immer noch zusammenzuckt, wenn sie an die Nacht denkt. Ängste seien da.

Ihre Chefin, die den mutmaßlichen Täter auf Facebook erkannt und der Polizei den entscheidenden Tipp gegeben hat, sagt aus, dass ihr die ganze Geschichte noch immer suspekt erscheint. Vor allem, weil ihre Angestellte in der Nacht nicht Dimitri, sondern den richtigen Vornamen genannt habe. Der 31-Jährige sei früher Stammgast in einer ebenfalls von ihrer Familie geführten Bar in Hechingen gewesen. Die 24-Jährige schweift ab und wird vom Richter ermahnt, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Zu ihrer Angestellten habe sie keinen Kontakt mehr. Das Arbeitsverhältnis wurde drei Monate später aufgelöst. „Das Vertrauen war nicht mehr da“, meint die 24-Jährige.

„Ich versuche seit eineinhalb Jahren den Vorfall aus meinem Gedächtnis zu streichen“, sagt als nächste Zeugin die Angestellte der Geislinger Shell-Tankstelle aus. Sie hat am 6. Februar 2017 Spätschicht, ist seit 13 Uhr da und freut sich auf den Feierabend um 22 Uhr. Als es ruhiger ist, geht sie zur Toilette. Als sie zurückkommt, läuft ein Vermummter mit einer Pistole auf sie zu, erzählt sie. Plötzlich sei ein zweiter Mann da gestanden. Wie sie später auf dem Film von der Überwachungskamera sieht, hat er einen Elektroschocker in den Hand. „Gib Geld, nix passiert“, dieser Satz hat sich ihr eingeprägt. Die Männer greifen mit ihren Händen in die Kasse, erbeuten fast 1000 Euro und flüchten in dem Moment, als ein Kunde den Raum betritt.

„Ich bin am nächsten Tag wieder arbeiten gegangen und habe bis April durchgehalten“, erzählt die Geislingerin. Dann bricht sie in der Tankstelle zusammen. Es folgt ein Jahr ambulante Behandlung, die Diagnose lautet phobische Angststörung. Die 57-Jährige arbeitet nach ihrer Wiedereingliederung an ihrem alten Arbeitsplatz. Sie hat noch immer Beschwerden, nimmt weiter Medikamente und musste ihren Arbeitsplatz seither zweimal verlassen: „In Stresssituationen kommen die Panikattacken.“

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