Bisingen Enkelgespräch: Opa als Täter, Opa als Held

Fesselnde Familiengeschichten erzählten Frieder Meyer-Krahmer und Silvia Pauli im Bisinger Enkelgespräch.
Fesselnde Familiengeschichten erzählten Frieder Meyer-Krahmer und Silvia Pauli im Bisinger Enkelgespräch. © Foto: Antonia Lezerkoss
Bisinigen / Antonia Lezerkoss 09.05.2018
Fesselndes Bisinger Enkelgespräch mit Silvia Pauli und Frieder Meyer-Krahmer.

Wie geht die Familie, wie gehen Töchter und Söhne und wie die Enkel mit der Biographie ihrer Großväter um, die in den dunkelsten Zeiten des vergangenen Jahrhunderts in besonderer Weise aktiv waren? Und in welchem Maße war und ist ihr Leben davon beeinflusst? Diese Frage der 2. Vorsitzenden des Vereins Gedenkstätten KZ Bisingen, Dr. Ines Mayer, bildete den roten Faden für das Bisinger Enkelgespräch am Montagabend.

Die Aussagen von Silvia Pauli, der Enkelin des ehemaligen Lagerführers des KZ Bisingen, Johannes Pauli, und von Frieder Meyer-Krahmer, Enkel des Widerstandskämpfers Carl Friedrich Goerdeler, eröffneten lebendige Einblicke in das familiäre Herz einer ganzen Generation.

Silvia Pauli gehört zur dritten Generation: Ihr Großvater Johannes Pauli war 1944/45 als KZ-Lagerführer in Bisingen hauptverantwortlich für die hohen Opferzahlen. Nach dem Krieg wurde Pauli, der die Schweizer Staatsbürgerschaft hatte, vom Landgericht Basel zu zwölf Jahren Haft verurteilt. Nach Kriegsende, so berichtete Silvia Pauli, sei innerhalb ihrer Familie niemals über die Aufgaben ihres Großvaters im NS-Regime und seine mögliche Beteiligung am Holocaust gesprochen worden: „Es durfte nichts nach außen dringen.“

Schweigen als Selbstschutz? Ein Verteidigungsring gegen Schuld- und Schamgefühle? Beklemmende Angst und irritierendes Schweigen über Vergangenes habe die Kinder verunsichert und die familiären Beziehungen gelähmt, sagte Silvia Pauli. Für sie selbst war Schweigen kein Ausweg. Sie schilderte, wie sie erst allmählich aufgrund äußerer Einflüsse eine Ahnung von den Verstrickungen und den Taten ihres Großvaters bekam. Obwohl der Vater ihr „Schweigen“ auferlegt hatte, fing Silvia an, sich Einzelheiten über die Beteiligung des Großvaters Johannes Pauli an Verfolgung und Tötungen aus einschlägiger Literatur, dem Internet und durch darauffolgende Kontaktaufnahme mit dem Gedenkstättenverein KZ Bisingen zu erarbeiten „Was ich da gelesen habe über Täter und Opfer, hat mir den Boden unter den Füßen weggezogen“, berichtete sie. Und sie zog aus den neuen Erkenntnissen Konsequenzen für ihr eigenes Leben.

Was es heißt, zur Generation der Enkel des Widerstands zu gehören, erfuhren die zahlreichen Zuhörer in dem bis auf die allerletzte Sitzgelegenheit belegten Raum des Bisinger Heimatmuseums von dem in Berlin lebenden Hochschullehrer Prof. Dr. Frieder Meyer-Krahmer, der mit Carl Friedrich Goerdeler (1881 – 1945) einen berühmten Großvater hat: „Mein Großvater war eigentlich kein „Widerstandsmensch“. Als Konservativer habe er jedoch unbedingt auf den Traditionen der Rechtsstaatlichkeit beharrt, ebenso wie auf dem Prinzip von Sitte und Anstand gegenüber jedermann. Und er wollte dies auch während der Nazizeit gewährleistet sehen. Seine Einstellung zu Hitler war kritisch, da dessen Handlungen unweigerlich zum Krieg führten. Allerdings glaubte er, dass dieser Spuk bald vorbei sein würde. Dabei unterschätzte er, mit welcher Schnelligkeit sich das Regime etablierte. Goerdeler stand für das „andere Deutschland“. Während des Krieges wurde er einer der führenden Männer des deutschen Widerstandes. Am 2. Februar 1945 wurde er hingerichtet.

Das Regime rächte sich auch an den Familienmitgliedern, die in Sippenhaft genommen wurden. Die Enkel Frieder und Christian wurden von ihrer Mutter getrennt. Schweigen auch hier über das Schicksal einer Familie, die aus ihrer Lebensbahn geworfen worden war. Die Tante verfiel in tiefe Depression, und die Großmutter war eine gebrochene Frau. Vielen galten sie als Angehörige eines Landesverräters. Doch Marianne Meyer-Krahmer stilisierte ihren mutigen und aufrechten Vater zum Heroen – einem Bild, dem ihre beiden Söhne trotz hoher moralischer und ethischer Ansprüche nicht gerecht werden konnten.

Von Ines Mayer nach den persönlichen Verpflichtungen aus diesen Familiengeschichten gefragt, antworteten Pauli und Meyer-Krahmer weitgehend unisono: Sensibilität für ungute Vorgänge zu entwickeln und den Mut zu besitzen, etwas dagegen zu unternehmen. Eine angeregte Diskussion schloss sich an.