Bisingen / ANTONIA LEZERKOSS  Uhr
Auf Einladung des Gedenkstättenvereins Bisingen sprach der in Karlsruhe lebende Zeitzeuge Musledin Glina über den albanischen Ehrenkodex "Besa" und seine schwierige Zeit im kommunistischen Albanien.

"Wer es nach Albanien geschafft hatte, war gerettet", so begann Musledin Glina seine Ausführungen. "Wir haben nur gemacht, was jeder machen muss." Der Holo-caust, die systematische Vernichtung des europäischen Judentums, fand in ganz Europa statt. Aufgrund ihrer geringen Zahl und der Vielfalt an anderen Religionen wurden Juden in Albanien kaum verfolgt. Albaner haben Juden sogar zur Zeit der deutschen Besatzung nicht verraten, im Gegenteil sie haben sie mit typisch, albanischer Kleidung versorgt, ihnen zu Essen gegeben, Unterschlupf gewährt und für sie Verstecke gefunden.

Das immer wieder zitierte Zauberwort für diese beispiellose Zivilcourage heißt "Besa", was so viel wie "Ehrenwort - ein Versprechen halten" bedeutet. Dieser Begriff besagt, dass in Zeiten der Not jeder die Verantwortung auch für das Leben des anderen übernehmen muss. Die Besa - "Das Haus des Albaners gehört Gott und dem Gast" -, ein aus archaischer Zeit stammendes, bis heute ungeschriebenes Gesetz im Sitten- und Ehrenkodex der muslimischen Albaner, gilt bis zum heutigen Tag als einer der höchsten ethischen Werte Albaniens und hat schließlich zur Rettung der jüdischen Flüchtlinge beigetragen. Als Beispiel führte Glina die Geschichte des Refik Veseli an, der vielen vom Nazi-Regime Verfolgten geholfen hat (eine Berliner Schule trägt jetzt seinen Namen). Doch als das kommunistische Regime 1946 den eisernen Vorhang niederließ, die Grenzen schloss und das Land für Jahrzehnte in die Isolation zwang, wurde Albanien zum "Nordkorea" der damaligen Zeit - zum weißen Fleck auf der europäischen Landkarte und die beispiellosen Rettungsaktionen gerieten in Vergessenheit. Doch Glina ist überzeugt: "Das jüdische Volk wird nicht vergessen und immer davon reden."

Auch über sein eigenes, schwieriges Leben in Albanien während der Zeit des Kommunismus berichtete Glina. 1949 als 16-jähriger Schüler wegen einer Wandbeschmiererei zusammen mit anderen zu einer langen Haftstrafe verurteilt, gelang ihm 1951 eine waghalsige Flucht ins benachbarte Jugoslawien, dort wurde er aufgegriffen und wieder in ein Lager gesteckt. Im Zuge einer Gefangenen-Auslösung durch die UNO gelangte er über 1958 Italien und Frankreich nach Deutschland. Hier konnte er Arbeit finden und eine Familie gründen. Musledin Glina lebt mit seiner Familie in Karlsruhe.

Eine lebhafte Frage- und Diskussionsrunde schloss sich den Ausführungen des Referenten an. Die Veranstaltung im Bisinger Heimatmuseum fand interessierte Zuhörer und erfolgte mit freundlicher Unterstützung der Landeszentrale für politische Bildung - Gedenkstättenarbeit.