Bisingen / ANTONIA LEZERKOSS  Uhr
Mit einem eindrücklichen Vortrag referierte der Konstanzer Historiker Carsten Arbeiter über Menschen, die sich mit humanitärer Hilfe für Verfolgte der Unmenschlichkeit des Nazi-Regimes entgegensetzten.

Auf Einladung des KZ-Gedenkstättenvereins referierte Carsten Arbeiter im Bisinger Museum über "Kleine Leute als große Helden". An den Anfang seiner Ausführungen stellte er die großen Namen des Widerstandes gegen Hitler: "Claus Schenk Graf von Stauffenberg, die Geschwister Scholl, Dietrich Bonhoeffer und Johann Georg Elser. Sie fehlen in keinem Schulbuch und sind fester Bestandteil des kollektiven Gedächtnisses." Und er fragte: "Warum kennen wir die vielen anderen nicht, die sich mutig und unter Gefahr für Leib und Leben für die äußerst bedrängten Menschen einsetzten, sie versteckten oder zur Flucht verhalfen?"

Otto Jogmin etwa, ein Hauswart in Berlin, versteckte in einem nur ihm zugänglichen Keller Juden, besorgte für sie Lebensmittel und sicherte damit über 50 Menschen das Überleben. Oder das Ehepaar Eberhard und Donata Helmich, die zwischen 70 bis 300 Menschen halfen, die die Verfolgten als dringend benötigte Gartenarbeiter einsetzten und diese damit vor dem Abtransport bewahrten und die Juden in ihrer Wohnung versteckten. Auch das Ehepaar Maria und Stephan Pfürtner half drei jungen Frauen.

Schon nach der Machtergreifung 1933 waren Juden in die benachbarte Schweiz ausgereist. Mit dem Anschluss Österreichs an das Reich waren die Flüchtlingszahlen sprunghaft in die Höhe geschnellt, damit einher gingen im Schweizer Nachbarland Überfremdungsangst und Antisemitismus. Ab August 1938 herrschte für den Übertritt in die Schweiz Visumspflicht; das heißt die Grenze war geschlossen. Nach dem Beginn der reichsweiten Deportation der Juden 1941 und dem Auswanderungsverbot für die jüdische Bevölkerung blieb den Menschen nur der Untergrund oder die Flucht. Otto Marquard, ein Kunstmaler ruderte von Allensbach aus Flüchtlinge über den Bodensee. Die grüne Grenze in der Region zwischen Singen und Schaffhausen erwies sich wegen ihrer Länge, ihres Waldreichtums und nicht zuletzt wegen ihrer Unübersichtlichkeit bestens zur Flucht geeignet. Darüber hinaus war bekannt, dass Schaffhausen eine weitaus liberalere Flüchtlingspolitik betrieb als zum Beispiel der Kanton Thurgau.

Als äußerst erfolgreiches Fluchthelfer-Netzwerk bewährte sich zwischen Mai 1943 und April 1945 die Gruppierung um Luise Meier und Josef Höfler mit Willy Vorwalder, Wilhelm Ritzi und Hugo Wetzstein. Gut organisiert und umsichtig brachten die Helfer 28 Männer, Frauen und Kinder in schwierigster Zeit über immer wieder wechselnde Orten (Buch, Ramsen, Stein, Hofen, Thayingen) in die Schweiz. Über verschlungene Pfade kam die in Berlin lebende Luise Meier, die schon zuvor Juden geholfen hatte, in Kontakt mit Josef Höfler und seinen Freunden. Meier kaufte für die Flüchtlinge Fahrkarten (Ausweispapiere mussten sie sich selbst besorgen) und begleitete ihre Schützlinge bis nach Singen. Dort wurden sie an Josef Höfler und seine Mannen übergeben, die den "illegalen Grenzübergang" bewerkstelligten. Prägnant und eindrucksvoll hat Lotte Kahle nach geglückter Flucht dies in ihrem Buch "über den grünen Hügel" beschrieben. Auch Jizchak Schwersenz, ein Berliner Lehrer, der sich 1944 zur Flucht entschied, hat über seine Flucht detailgenau berichtet.

Es gab auch Misserfolge. Bernhard Einzig fiel bei der Ausweiskontrolle auf und wurde festgenommen. Ebenso fiel Hans-Georg Kornblum der Gestapo in die Hände. Auch die Flucht von Emma Brandt und der 13-Jährigen Eva Caro misslang, sie fanden den Weg in die Schweiz nicht, kehrten nach Singen zurück und wurden verhaftet. Bei der Vernehmung durch die geheime Staatspolizei gaben sie die Namen ihrer Helfer preis. Im Juni 1944 kamen alle Fluchthelfer in Untersuchungshaft. Elise, die Frau von Josef Höfler, konnte mit ihrer Tochter in die Schweiz fliehen. Das Sondergericht Freiburg ermittelte wegen "fortgesetzter Beihilfe zur illegalen Auswanderung". Doch das schien zu wenig: Im Juli 1944 wurde der Fall an den Volksgerichtshof in Berlin verwiesen, wo die Anklage auf "Feindbegünstigung" (das bedeutete die Todesstrafe) lauten sollte. Dazu kam es in den Wirren der letzten Kriegstage jedoch nicht und alle Beschuldigten kamen 1945 frei.

Sehr spät oder auch gar nicht wurde den Helfern eine offizielle Anerkennung ihres Handelns gewährt. Otto Jogmin bekam 1958 eine Ehrung vom Berliner Senat, Eberhard Helmich 1967 das Bundesverdienstkreuz, Josef Höfler 1984 das Bundesverdienstkreuz, Luise Meier und Josef Höfler wurden als Gerechte unter den Völkern in der Gedenkstätte Yad Vashem geehrt.

Der Referent Carsten Arbeiter, der seinen Vortrag spannend und äußerst informativ gestaltete, ist Fachberater für Geschichte am Regierungspräsidium Freiburg und Landeskundebeauftragter des Kultusministeriums Baden Württemberg.