Bisingen Erinnerung an das fahrende Volk

Julius Klink war Eigentümer des einstigen Rathauses „Stern“ in Steinhofen und bot dort dem fahrenden Volk Unterschlupf.
Julius Klink war Eigentümer des einstigen Rathauses „Stern“ in Steinhofen und bot dort dem fahrenden Volk Unterschlupf. © Foto: Jörg Wahl
Bisingen / Jörg Wahl 10.10.2018
Bisingen lädt ein zur Enthüllung einer Gedenktafel für die im Jahr 1938 aus Steinhofen vertriebenen „Zigeuner“.

Die Gemeinde Bisingen enthüllt am Freitag, 19. Oktober, um 17 Uhr beim Kindergarten Spatzennest eine Gedenktafel zu Ehren der 1938 aus Steinhofen vertriebenen „Zigeuner“ sowie deren Anwalt und Gasthausbesitzer Julius Klink. In der Hechinger Straße 7 stand früher das Gasthaus „Goldener Stern“ (vormals „Sonne“). Professor Dr. Paul Münch aus Wessingen hatte sich vergangenes Jahr mit seinem Wunsch auf solch eine Gedenktafel an die Gemeinde gewandt. Vor etwa drei Monaten ist der Gemeinderat seiner Anregung gefolgt.

Als Initiator wird Paul Münch nun am 19. Oktober über die Vertreibung der „Zigeuner“ aus Steinhofen referieren. Zugesagt als Ehrengast hat auch ein Vertreter des Zentralrates der Sinti und Roma in Deutschland.

Professor Münch hat vor einigen Jahren in Archiven recherchiert und die Geschichte der einst so genannten „Zigeuner“ in Deutschland aufgearbeitet. Beim Heimatverein Bisingen-Steinhofen hielt der Historiker darüber schon im Frühjahr 2014 einen Vortrag in der Hohenzollernhalle, bei dem er hauptsächlich auf die Gemeinde Steinhofen einging.

Hohenzollern war bis ins Dritte Reich hinein ein beliebter Aufenthaltsort von „Zigeunern“, die man heute politisch, aber nicht historisch korrekt „Sinti und Roma“ nennt. Der Kreis Hechingen war für sie geradezu ein Eldorado, weil die nahe württembergische Landesgrenze bequeme Fluchtwege vor dem Zugriff der Polizei ermöglichte. Burladingen und Steinhofen beherbergten größere, teilweise fest ansässige Gruppen.

Paul Münch stellte damals die wechselvolle, fast 600 Jahre währende Geschichte dieser als fremd empfundenen Menschen in Deutschland vor, beleuchtete ihre staatliche und gesellschaftliche Ausgrenzung, aber auch die Romantisierung „zigeunerischen“ Lebens in Musik und Literatur.

Mit Hilfe bis dahin unveröffentlichter Quellen (und auch Bildern) stelle der Referent damals die Ausgrenzungs- und Verfolgungsgeschichte der Steinhofener „Zigeuner“ während der 30er-Jahre des 20. Jahrhunderts dar. Dabei kamen auch Hilfsaktionen zur Sprache, die aber letztlich gegen die rassistische Verfolgung der Nationalsozialisten keine Chance hatten.

Steinhofen galt neben Burladingen als das größte „Zigeunerdorf“. Etwa drei Jahrzehnte hatten sie in Steinhofen feste Wohnsitze und betrachteten sich als ansässige Bürger. Jedes Jahr, zumeist in der wärmeren Jahreszeit, kamen sie in die Kirchspielgemeinden Bisingen, nach Steinhofen und auch nach Wessingen. Sie zogen mit ihren Wagen durch das Dorf und durften anfangs noch einige Nächte innerhalb, später außerhalb des Ortes lagern. Ein so genanntes Lagerrecht bestand auf dem Schulhof in Steinhofens Ortsmitte, aber auch hinter der Steinhofener Kirche, in Bisingen im Gewann „Hölzle“, an der Zufahrt zum KZ-Ehrenfriedhof und in Wessingen auf dem Zimmer- oder „Zigeuner“-Platz an der Verbindungsstraße von Wessingen nach Zimmern.

Gern gesehen wurde das fahrende Volk nur bedingt. Ältere Leute hatten gegen die Sippe gewisse Vorurteile, die sie ihren Nachkommen weiter vermittelten.

Der einstige Gasthof „Sonne“ (später „Sternen“, einst Reichsstraße 27) und ein Zweitgebäude des Brauereibesitzers Julius Klink standen in der heutigen Hechinger Straße (einst Sonnen- beziehungsweise Schweizerstraße). Der Eigentümer bewirtschaftete den Gasthof bis Kriegsbeginn und siedelte dann aus persönlichen Gründen nach Lindau um. Die zwei „Zigeuner“-Familien Reinhardt und Spindler wohnten in diesem Zweitgebäude.

Paul Münch bezeichnet den Gastwirt Julius Klink als wichtigste Person der Geschichte um die „Zigeuner“ in der Gemeinde Steinhofen.

Julius Klink und Hugo Maier

1884 in Stuttgart geboren, heiratete Julius Klink 1909 Käthe Fischer aus Steinhofen. Seine juristischen Kenntnisse waren für die „Zigeuner“ sehr vorteilhaft. Gegen Bezahlung überließ er ihnen Wohnungen und Stellplätze für Planwagen und Pferde. Der während des Nazi-Regimes amtierende Bürgermeister Hugo Maier war weniger begeistert vom Aufenthalt dieser Familien. Letztlich schaffte er es kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs, sie aus Steinhofen zu vertreiben. Erst nach Jahrzehnten tauchte das fahrende Volk wieder im Kirchspiel auf – allerdings in kleineren Gruppen und motorisiert.

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