Bisingen / EBERHARD WAIS  Uhr
Klare Geschichtsverfälschung, antisemitische Propaganda für die "Endlösung", völkischer Nationalismus verpackt in subtile Dramaturgie - "Jud Süß" ist ein bis heute sehr aufwühlender Film.

Den Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust am 27. Januar gibt es erst seit wenigen Jahren (2005), als deutschen Gedenktag immerhin etwas länger (1996). Dabei sind die grauenhaften, unbegreiflichen Verbrechen, etwa im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau (dessen Befreiung gedacht wird), gerade mal 70 Jahre her - kein langer Zeitraum in einem "nationalen Gedächtnis", sofern man sich überhaupt erinnern will.

Über 50 Interessierte wollten sich am Montagabend daran erinnern und verfolgten auf Einladung des Bisinger Heimatmuseums einen der perfidesten Propagandafilme jener Zeit. "Jud Süß" ist ein perfides Machwerk, perfekt in seiner psychologischen Subtilität, gleichwohl eindeutig in seiner Aussage: "Die Juden müssen weg, am besten ganz und für immer." In diesem Ziel bedient er alle auch anderweitig von den Nationalsozialisten immer wieder herausgestellten, in der großen Masse der Bevölkerung aber durchaus greifbaren, hässlichen Vorurteile gegen Juden. Mit dem Ergebnis, dass genau dieser Judenhass nicht als "von oben" vorgegeben, sondern als seit Jahrhunderten im Volk präsentes Gefühl für jedermann eingängig und scheinbar ganz "natürlich" erfahrbar wird.

Für die Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung, welche die Filmrechte verwaltet, ist "Jud Süß" immer noch so volksverhetzend, dass sie ihn "unter Vorbehalt" gestellt hat, er also nur mit einleitendem Kommentar und ihrer Zustimmung in Deutschland gezeigt werden darf. Nicht so im benachbarten deutschsprachigen Ausland, wo er frei zugänglich ist. Um eben auf diese Sonderheit mehr Augenmerk legen zu können, schilderte in Bisingen Dieter Grupp in seiner Einleitung nicht nur die bekannten filmischen Rahmenbedingungen und propagandistische Zielrichtung von "Jud Süß", sondern auch dessen Handlung.

In eindeutiger Geschichtsverfälschung wird Joseph Süß Oppenheimer, assimilierter (die Nazis sagten "getarnter") Jude, Finanzier und Berater des württembergischen Herzogs Karl Alexander, mit allen seit Jahrhunderten tradierten Vorurteilen gegenüber den Juden belegt und so zum geradezu mephistophelischen Sündenbock für des Herzogs Fehler gemacht, dessen Verfehlungen zudem Wasser auf den Mühlen der antifeudalen nationalsozialistischen Ideologie sind.

Das reicht von unberechtigten Steuern, der Konfrontation mit den Landständen bis hin zur Vergewaltigung Minderjähriger. Überhaupt ist das Verbot des Geschlechtsverkehrs zwischen Juden und Christen (die nationalsozialistische "Rassenschande") mit Verweis auf das "uralte Reichskriminalgesetz", eine der zentralen propagandistischen Zielrichtungen. Die Ausrottung der Juden, die Endlösung in der Shoa, wird so zur historisch im allgemeinen Judenbann nach Oppenheimers Tod vorgegebenen nationalen Aufgabe aller. Historisches Unrecht wird für die Nazis zur nationalen Pflicht, wie es ja auch in den Gesetzen niedergelegt war. Ein "unterhaltungsmäßig" aufgemachter Propagandafilm wie "Jud Süß" holte dies von der akademischen auf die allgemeinverständliche Ebene.

Im Übrigen: Mit den gleichnamigen Roman "Jud Süß" hat der Film auch nur die historische Hauptgestalt gemein, ansonsten rein gar nichts, eher noch könnte Wilhelm Hauffs Novelle "Jud Süß" als Anregung für den Film gedient haben.

Die Diskussion der Besucher nach rund 90 Minuten Film, der in seiner psychologischen Machart durchaus modern anmutet, konzentrierte sich dabei weitgehend auf eben diese dramaturgischen Kniffe und Zielsetzungen des stramm nationalsozialistischen Starregisseurs Veit Harlan, der im Nachkriegsdeutschland übrigens schnell wieder arbeiten durfte, während für den Darsteller des Jud Süß, Ferdinand Marian, der Film zum persönlichen Schicksal wurde. Er kam nie mehr von dieser "Judenrolle" los, verfiel dem Alkohol und kam 1946 auf ungeklärte Weise ums Leben.

Einigkeit bestand letztlich darin, dass der Film auch heute noch so "verführerisch" ist, trotz seiner klar erkennbaren, propagandistischen "Episodenhaftigheit", dass er als "Vorbehaltsfilm" nur mit einleitendem Kommentar und ausdrücklicher Genehmigung in Deutschland gezeigt werden darf, um etwa Missbrauch zu verhindern. Was allerdings auch die breitere Beschäftigung mit diesen nationalsozialistischen Machwerk bis heute behindert, weshalb der Film weitgehend in Vergessenheit geraten ist. Das alliierte Filmverbot gibt es übrigens schon seit 1955 nicht mehr. Im Internet freilich ist der Film heute problemlos auch in deutscher Urfassung zu finden, dann eben mit englischen, spanischen oder auch chinesischen Untertiteln.