Gesundheit Apotheken vor Ort geraten unter Druck

Annette Widmann-Mauz (6. v. l.)im Gespräch mit den Apothekern (v. l.) Martin Schnabel, Friederike Brodbreck, Andreas Schenkel, Olga Scherer, Johannes Ertelt, Sebastian Schmidt, Hans-Joachim Hofmann und Michael Wiench.
Annette Widmann-Mauz (6. v. l.)im Gespräch mit den Apothekern (v. l.) Martin Schnabel, Friederike Brodbreck, Andreas Schenkel, Olga Scherer, Johannes Ertelt, Sebastian Schmidt, Hans-Joachim Hofmann und Michael Wiench. © Foto: Jörg Wahl
Jörg Wahl 07.08.2017

Das Medikament sofort mitnehmen oder bestellen und noch am selben Tag bekommen. Das ist aktuell der Lieferstandard in deutschen Apotheken – und für die schnelle Versorgung der Patienten unerlässlich, damit die Therapie in Akutfällen so schnell wie möglich beginnen kann. „Die persönliche und flächendeckende Versorgung der Patienten durch die noch vorhandenen, wohnortnahen Apotheken ist ein Grundprinzip der Solidargemeinschaft unseres Gesundheitssystems“, betonte Annette Widmann-Mauz, Parlamentarische Staatssekretärin im Gesundheitsministerium, bei einem Treffen mit acht Apothekerinnen und Apothekern aus aus Balingen, Bisingen, Bodelshausen, Nusplingen, Tailfingen und Tübingen im Gesundheitszentrum Hohenzollern in Bisingen.

Schließlich seien Arzneimittel keine Konsumgüter, sondern Waren besonderer Art, die einer Beratung bedürften, und die für alle Patienten gleichermaßen zugänglich sein müssten, so Widmann-Mauz. Der einheitliche Abgabepreis von verschreibungspflichtigen Arzneimitteln sei „ein Muss“, damit die Versorgung von kranken Menschen nicht von deren Geldbeutel abhänge.

Aktuell sei dieses Versorgungsniveau jedoch in Gefahr. Das sogenannte EuGH-Urteil besage, dass sich ausländische Versandapotheken nicht an die in Deutschland geltende  Arzneimittelpreisverordnung halten müssen. In 21 von 28 EU-Mitgliedstaaten sei der Versand von rezeptpflichtigen Arzneimitteln verboten.

„Wir Apotheken haben  kein Problem mit Wettbewerb oder Versandhandel, sofern es keine Ungleichbehandlung bei den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen gibt und das Patientenwohl im Vordergrund steht“, so die Aussage von Johannes Ertelt, Apotheker aus Bisingen. Annette Widmann-Mauz bestätigte, dass die Apotheken die digitale Entwicklung „konstruktiv angenommen und weiter entwickelt“ hätten. Apotheken seien ein „wichtiges Rad im Gesundheitssektor“. Aber durch „Rabattschlachten“ und „Rosinen-Pickerei“ seitens ausländischer Versandapotheken werde jetzt die Existenz der wohnortnahen Apotheken und damit der flächendeckenden Gesundheitsversorgung gefährdet. „Das wollen wir nicht“, betonte die CDU-Politikerin.

Olga Scherer, Apothekerin aus Nusplingen, stellte fest, dass gerade im ländlichen Raum der enge Kontakt zu Patienten und Ärzten, die Schnelligkeit der Arzneimittelbelieferung und die persönliche Zuwendung sehr geschätzt werde. Auch seien Notdienste oder Rezepturherstellungen in akuten Fällen nur durch Apotheken vor Ort gewährleistet.

Dass Apotheken in Deutschland rund 160 000 familienfreundliche Arbeitsplätze für vorwiegend weibliche Arbeitskräfte stellen, berichteten die Balinger Apotheker Michael Wiench, Friederike Brodbeck und Andreas Schenkel. Apotheker Martin Schnabel aus Bodelshausen verwies auf die Bedeutung der Apotheke vor Ort als „Vollversorger“ rund um die gesundheit. Aber in vielen Bereiche sei eine  kostendeckende Kalkulation nicht mehr möglich, da der Beratungsaufwand zu hoch sei. Die Apotheker Sebastian Schmidt aus Tübingen und Hans-Joachim Hoffmann aus Tailfingen skizzierten die möglichen Folgen für Gemeinden und Städte, wenn große Apotheken-Online-Plattformen und -Versandhandel die Oberhand gewinnen:  „Die lokalen Händler und Geschäfte werden durch einen nicht zu stemmenden Preis-Wettbewerb verdrängt. Flexible und wohnortnahe Arbeitsplätze gehen verloren. Die Infrastruktur wird ausgedünnt.“ Es sei vielen Kunden von Versandapotheken nicht bewusst, dass weniger Apotheken auch weitere Wege zur nächsten bedeuten.

Nach einer über zweistündigen regen Diskussion bedankte sich Annette Widmann-Mauz für den wertvollen Austausch und schlug vor, zukünftig regelmäßig in dieser Runde zusammen zu kommen.