Interview Zwischen Couch und Bühne

Gabriele Szczegulski 15.09.2018

Morgens um 11 Uhr in Bietigheim: Ein Auto nach dem anderen fährt am Probestudio der Bietigheimer Band Pur vor. Zuletzt kommt Hartmut Engler – er hat sich in der Bäckerei noch etwas zum Essen geholt  und während er mit der BZ das Interview führt, bauen die anderen – Rudi Buttas, Joe Crawford, Martin Ansel, Frank Dapper, Cherry Gehring und Matthias Ulmer – ihre Instrumente auf. Es ist die letzte Probe der Band, bevor an diesem Samstag zum ersten Mal Lieder von der neuen CD „Zwischen den Welten“ live gespielt werden. Bei einem Fantreffen im Schwarzwald wird das Album 250 Mitreisenden präsentiert – eine Tradition bei Pur.

„Zwischen den Welten“ heißt die neue CD, auf der ein Affe im Weltraum zu sehen ist, der ein nachdenkliches Gesicht macht, während er vom Weltraum auf die über ihm schwebende Erde schaut. Was bedeutet das?

Hartmut Engler: Nun, das sind Symbole auf dem CD-Cover, die sich in den Texten der Songs wiederfinden. Einerseits dachte ich mir, angeregt durch Astronaut Alexander Gerst, der derzeit im Weltraum ist, was denkt der wohl, wenn er auf unsere Erde schaut. Und letztlich bewegen wir von Pur uns zwischen den Welten. Wir sind alle gerne zu Hause, ich liebe die Couch in meinem Wohnzimmer, das traute Heim. Und dann sind da auf Tour die Stadien, zum Beispiel auf Schalke. Diese Welten muss man als Mensch irgendwie zusammen bringen. Die Lieder erzählen von den vielen Facetten dieser Welt. Den Titel „Zwischen den Welten“ würde ich „Zwischen Wohnzimmer und Schalke-Stadion übersetzen“.

Sind die Lieder also eine Auseinandersetzung mit dem Privaten, das Auswirkungen auf die Gesellschaft hat?

Ja, unbedingt. Ich bin ein Sohn von Flüchtlingen und deswegen fühlte ich mich fast schon verpflichtet, das Haus meiner verstorbenen Eltern jetzt an Flüchtlinge zu vermieten. Hier wirkt das Private auf die Gesellschaft. Wir sind 82 Millionen Deutsche, wenn wir es nicht hinkriegen, eine Million Flüchtlinge zu versorgen, dann läuft etwas schief, finde ich. Auch davon erzählen die Lieder. Unsere letzte CD handelte von Achtung und Respekt der Menschen untereinander. Das führen wir jetzt weiter, indem wir sagen, dass wir eine Verantwortung der Welt gegenüber haben.

Es ist also ein programmatisches, politisches Album?

Die Lieder erzählen von meinen Gedanken, dem wie ich und die Band die Welt sehen, wenn das politisch ist, dann ja. Ich möchte die Hörer einladen, sich die Welt anzuschauen, Anderes, Neues kennenlernen zu wollen, über den eigenen Tellerrand zu schauen.

Dann gibt es auch wieder Lieder, die sehr persönlich sind, und in denen es um Freundschaft, zum Beispiel zu Bandkollege Ingo Reidl oder die Liebe zu Ihrer Freundin Katrin geht.

Das gehört natürlich auch dazu, denn mit dem Texte schreiben, verarbeite ich all das, was mich beschäftigt. Im vergangenen Jahr war es vor allem Ingos Krankheit, die mich und die anderen sehr beschäftigte. (Ingo Reidl, Gründungsmitglied, Keyboarder und Komponist, ist an Krebs erkrankt, Anm. der Redaktion). Da ist ein Freund, der seit 30 Jahren an deiner Seite ist, immer bei allen Pur-Aktivitäten dabei ist, mit dem man so viel durchlebt hat und dann ist er nicht da und bis heute wissen wir nicht, kommt er je wieder. Das ist schwer auszuhalten. Ingo hat für dieses Album aber wieder Songs komponiert,  und das war sehr schön, mit ihm zusammen zu arbeiten. Im Moment kann er aber noch nicht mit uns proben. Wir hoffen, er kann bei dem einen oder anderen Konzert dabei sein. Wir vermissen ihn unendlich. Das Lied „Freund und Bruder“, für das er die Musik geschrieben hat, ist ihm gewidmet. „Fixstern“ ist meiner Freundin gewidmet, das musste einfach mal sein, dass ich öffentlich sage, wie sehr ich sie liebe.

Der Affe zieht sich durch vom Cover hin zu zwei Liedern, „Affen im Kopf“ und „Planet der Affen“. Was steckt dahinter?

Der Affe ist der Affe in meinem Kopf, der sich nicht zähmen lassen will, der zu viel nachdenkt über die Welt. Aber der Affe auf dem Cover denkt nicht nur nach, er meditiert. Für mich ist die Meditation sehr wichtig geworden, nicht nur, damit ich mein Lampenfieber vor einem Konzert besser in den Griff bekomme, sondern auch, um wieder runter zu kommen, um den Affen in mir zu beruhigen.

Wie wichtig ist Ihnen, dass sie mittlerweile in Künstlerkreisen anerkannt sind, dass so viele kommen, um mit Pur das vorab veröffentlichte Lied „Zu Ende träumen“ zu singen?

Viele Kontakte bestehen ja schon seit Langem, aber natürlich hat sich durch meine Teilnahme an „Sing meinen Song“ einiges verändert, neue Kontakte sind dazugekommen. Bei Nelson Müller war ich letztes Jahr vor Weihnachten essen, da lernten wir uns kennen.  Es war eine Ehre, mit Xavier Naidoo und Andreas Bourani bei „Sing meinen Song“ zu arbeiten. Dass daraus Freundschaften entstehen, ist super.

War Ihnen vorher klar, dass die Teilnahme an der Show auch zum  Risiko werden kann?

Ich hatte schon Bedenken, weil ich nicht wusste, was da auf mich zukommt. Man hat schon Berührungsängste auch unter Kollegen. Und dann treffen da schließlich lauter Alphatiere aufeinander, die immer im Mittelpunkt stehen. Aber da gab es kein Konkurrenzverhalten, es war wirklich alles echt, wie es im Fernsehen zu sehen war. Für mich ist die Show eine der authentischsten des deutschen Fernsehens. Manchmal haben wir wirklich vergessen, dass wir gefilmt werden.

Konzerte oder Fernsehauftritte, Essen in Sternerestaurants wie bei Nelson Müller, das ist die eine Seite von Pur und Hartmut Engler. Aber seit Jahrzehnten wohnen Sie in Bietigheim, proben immer noch im selben Hinterhofstudio. Sind diese Gegensätze wichtig für Sie?

Oh ja, Bietigheim erdet uns. Hier können wir zur Bäckerei Stöckle und unser Mittagessen holen, ohne dass großes Aufsehen um uns gemacht wird. Unser Probenstudio ist wie eine Höhle, in die wir uns zurückziehen können, dann  gibt es nur Pur und die Musik. Das ist sehr wichtig.

Herr Engler, Danke für das Gespräch.

Info Ab sofort gibt es die neue Pur-CD „Zwischen den Welten“ im Handel und zum Download. Die Tour zum Album beginnt am Freitag, 30. November, mit einem Konzert in der SAP-Arena in Mannheim. Weitere Termine gibt es online.

www.pur.de

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