Was passieren kann, wenn man sich als Immigrant zu sehr anpasst, das zeigt derzeit das Alte Schauspielhaus in Stuttgart mit Ayad Akhtars Broadway-Erfolg „Geächtet“. Patrick Khatami spielt darin die Hauptrolle des Karriereanwalts Amir.

An seiner Seite Natalie O‘Hara als seine Frau Emily. Fern aller Tiroler Heimatromantik muss die Bergdoktor-Gastwirtin in dieser Rolle auskommen. Sie ist Künstlerin, lebt mit ihrem Yuppie-Mann in einer stylischen New Yorker Wohnung (Ausstattung von Barbara Krott) und überredet den Wirtschaftsanwalt, sich für einen angeklagten Imam einzusetzen. Ausgerechnet Amir, der alles tut, um seine islamischen Wurzeln zu verleugnen. Dem Glauben hat er abgeschworen, seinen Geburtsort verlegte er von Pakistan nach Indien, seinen Namen ließ er ändern. Das alles, nur damit seine Kollegen und potenzielle Auftraggeber ihn nicht mit dem Islam in Verbindung bringen. Damit Amir weiterhin seine Vorstellung vom amerikanischen Traum unbeschwert leben kann.

Die Wahrheit kommt raus

Doch die Wahrheit kommt ans Licht, und gerade er, der Superassimlierte, der Vorzeige-Einwanderer, rastet aus. Er läuft verbal Amok, schlägt seine Frau und entspricht damit für kurz vollkommen dem Klischee des Islamisten und Frauenunterdrückers. Er verliert seine Frau, seinen Job, seinen guten Ruf. Und das alles an einem Abend zu viert, einem Dinner, das unter den denkbar harmonischsten Voraussetzungen beginnt. Schließlich hat der Kurator Isaac von Markus Angenworth – wie O‘Hara bereits zuvor an den Stuttgarter Schauspielbühnen aufgetreten – ein super Gastgeschenk dabei: Er hat Emily ausgewählt für seine nächste Ausstellung.

Provokation ist dabei

Aber auch genügend provokanten Sprengstoff bringen er und seine Gattin mit. Und so geht die Bombe also hoch an diesem Abend, alle Körperspannung und Geschmeidigkeit, die Regisseurin Karin Boyd ihr Ensemble eingangs zur Schau stellen lässt, alles Selbstbewusstsein ist dahin.

Akhtars Botschaft dieses diskutierenswerten und dramaturgisch vorbildlich verdichteten Wortgefecht-Stückes: Man kann es auch übertreiben mit der Anpassung. Doch: Der andere Weg, der ein neues Leben ermöglicht, ohne seine Herkunft zu verleugnen, ist alles andere als einfach.

Info Weitere Aufführungen sind im Alten Schauspielhaus Stuttgart (Kleine Königstraße 9) noch bis zum 2. Dezember täglich um 20 Uhr zu sehen (außer sonntags)

www.schauspielbuehnen.de