Kabarett Wortgewaltig gegen die Verdummung

Mit dem Programm „Dogensuppe Herzogin – Ein Austopf mit Einlage“ war Jochen Malmsheimer in Bietigheim.
Mit dem Programm „Dogensuppe Herzogin – Ein Austopf mit Einlage“ war Jochen Malmsheimer in Bietigheim. © Foto: Helmut Pangerl
Bietigheim-Bissingen / Frank Ruppert 15.09.2018

Der wohl Wortgewaltigste unter den deutschen Kabarettisten hat am Donnerstag Station in Bietigheimer Kronenzentrum gemacht. Mit seinem aktuellen Programm „Dogensuppe Herzogin – ein Austopf mit Einlage“, schwimmt der 57-Jährige weiter gegen den Strom der sprachlichen Vereinfachung. Schon seine Begrüßung mit dem wortreichen Hinweis, die Handys doch bitte auf lautlos zu schalten oder aber sich zumindest im Falle eines lauten Gebimmels und Gesurres des eigenen Geräts mit Verve als Arzt auszugeben, übersteigt den Wortschatz der meisten populären Comedians dieser Tage.

Ein Abend mit Malmsheimer kann folglich kein entspanntes Zurücklehnen in den Stühlen bedeuten, dass es höchst amüsant ist, zeigt der 57-Jährige auch im Bietigheimer Kronensaal. Mit seiner tiefen Stimme, immer bereit zum kurzzeitigen Schreien, um damit seiner (gespielten) Entrüstung Nachdruck zu verleihen, berichtet Malmsheimer von dem Plan seiner Frau, eine Reise nach Venedig zu unternehmen und seine zum Scheitern verurteilten, im Keim erstickenden Versuche, dies abzuwenden. Wegen seiner Flugangst muss er den Bus nehmen, ein völlig neues und ungewohntes Gefühl für den Protagonisten seiner Geschichte.

Zwischen intellektuell und flach

Malmsheimers Texte, die er sitzend vorliest, treiben den Gebrauch der deutschen Sprache auf die Spitze und zeugen gleichzeitig von der Lust am Intellektuellen. Die Themen könnten dabei auch, so scheint es anfangs zumindest, bei vielen anderen Comedians gefunden werden. Da geht es um die Beziehung, die ältere Generation, die Malmsheimer einfach als „beige“ bezeichnet, und auch die Jugend bekommt ihr Fett weg. Das wird zwischendurch auch mal derb, zotig und flach. Wenn über allzu Flaches gelacht wird echauffiert sich der Kabarettist aber herrlich und stößt ein „Bietigheim-Bissingen ist keine Universitätsstadt. Das merkt man“ hervor.

Malmsheimer oder sein Protagonist der Erzählung aus der Ich-Perspektive sträubt sich mit Haut und Haar gegen die Busreise und hat allerhand zu bemängeln an dieser Form des Reisens. Angefangen bei den „beigen“ Mitreisenden über die „Nasszelle“ bis hin zu den Gerüchen, die aus dem Gepäckfach und den Tupperdosen herausströmen. Das alles beschreibt er so detailliert, wortreich und pointiert, dass er auch in Bietigheim jede Menge Lacher erntet. Was das alles mit dem Titel des Programms zu tun hat? Wie immer bei Malmsheimer eher nichts.

Streitgespräch sorgt für Lacher

Zur Höchstform läuft Malmsheimer an diesem Abend auf, wenn er mehrere Protagonisten in einem Streitgespräch mit aberwitzigem Tempo und verschiedenen Stimmen zu Wort kommen lässt, etwa bei einer fiktiven Fernseh-Talkshow zum Thema Bildung oder bei der im zweiten Teil des Programms geführten Diskussion seiner literarischen Helden.

In diesem zweiten Teil beweist Malmsheimer dann, warum er Kabarettist genannt werden sollte, sein Programm hat nämlich eine Message. Er sieht „geistlose Zeiten“ und darin den Grund für das Aufkommen von Pegida und AfD. Dagegen helfen soll Lektüre – wohlgemerkt nicht die Aufforderung an einer Pforte zu lecken. Deshalb lässt Malmsheimer Robin Hood, Martin Luther, Winnetou und Long John Silver zu seinen Mitreisenden werden und zu Wort kommen. Gemeinsam hecken sie einen Plan aus, wie die Menschen wieder zum Lesen animiert werden können und kommen so auf das Programm. Passend endet der Abend mit einem Appell im Nachgang, nicht den Fernseher einzuschalten, sondern sich ein Buch zur Hand zu nehmen.

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