Theater Willkommenskultur endet exakt vor der eigenen Haustür

Stuttgart / bz 10.11.2018

Im WG-Zimmer der jüngsten Schauspielbühnen-Inszenierung im Alten Schauspielhaus in Stuttgart stehen nebst einem Flügel nur unbequeme Sitzmöbel herum. Drahtige Designerware, die doch die Komfortzone der fünf Bewohner zu repräsentieren scheint. „Willkommen“ sind Flüchtlinge und Migranten durchaus im Stück von Lutz Hübner und Sarah Nemitz – nur nicht in der Luxus-WG der Protagonisten. Keiner der Bewohner in dem Stück zur Flüchtlingsdebatte muss in Doppelschichten jobben, um sich seine 30 Quadratmeter Parkett und Stuckdecke am Killesberg leisten zu können. Vielmehr haben sich hier fünf gutsituierte Mittelständler in ihrer Wahlfamilie der ach so großen Toleranz zusammengefunden. Kleinere Unstimmigkeiten klären die bekennenden Individualisten beim monatlichen Jour fixe, einem Dinner mit viel Blabla und noch mehr Schampus. Bis es wirklich was zu bequatschen gibt: Benny möchte sein Zimmer an eine syrische Flüchtlingsfamilie untervermieten – während er in New York weilt.

Grenzen der Toleranz

Das könnte in einen langen Theaterabend münden, mindestens drei Stunden  erhobener Zeigefinger. Nicht so bei Hübner und Nemitz, die die Möglichkeiten wie die Grenzen der Toleranz in knapp zwei Stunden Kurzweil schwungvoll ausloten und ein klares Fazit daraus ziehen: Die Willkommenskultur endet meist exakt vor der eigenen Haustür.

Schirin Khodadadian, zum ersten Mal in Stuttgart, inszeniert mit wenig Einrichtung und umso mehr Experimentierfreude. Sie lässt die sieben herzerfrischenden Normalo-Protagonisten saufen, trösten, schreien, Konfetti streuen, lästern, Tai Chi üben, knutschen, lachen, brüllen, sich verheddern und sie lässt ihr Team Klavier spielen und singen.

Immer wieder driftet „Willkommen“ ab in eine Art Performance. Menschen werden durch den Raum getragen, fallende Sitzpolster zurechtgerückt. Nähe gefeiert und durch Zigarettenpausen unterbrochen. Keineswegs nur Flüchtlinge haben es schwer, diese Mauer der vordergründigen Toleranz zu durchbrechen. Das Gleiche gilt für Fahrräder reparierende Migranten der zweiten Generation aus dem Hallschlag, Familien mit Kindern und einfach alles, was die eigenen vier Wände mehr zum Beben bringen könnte als ausgelassene Improvisationen am WG-eigenen Flügel. „Willkommen“ sagt nicht moralisierend: „Du musst geflüchtete Menschen aufnehmen.“ Das Stück ermahnt nur zu einem: das Schwarz-Weiß-Denken zu beenden. Es zeigt deutlich, wie einfach Lippenbekenntnisse sind, solange die eigene Komfortzone verschont bleibt. 

Info Weitere Aufführungen gibt es bis zum 1. Dezember.

www.schauspielbuehnen.de

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