Schwerpunkt Weltretter Wichtiger Tropfen auf heißen Stein

Anlässlich fünf Jahren Fairtrade-Stadt Bietigheim-Bissingen hat das Ellental-Gymnasium am Ende des Schuljahrs einen Tag der Gerechtigkeit mit Ausrichtung eines fairen Frühstücks der Klasse 7 im Garten der Stadtkirche veranstaltet.
Anlässlich fünf Jahren Fairtrade-Stadt Bietigheim-Bissingen hat das Ellental-Gymnasium am Ende des Schuljahrs einen Tag der Gerechtigkeit mit Ausrichtung eines fairen Frühstücks der Klasse 7 im Garten der Stadtkirche veranstaltet. © Foto: Helmut Pangerl
Bietigheim-Bissingen / Frank Ruppert 11.08.2018

Abgeschaut habe ich mir die Idee zur Fairtrade-Stadt von Ludwigsburg. Dort war man zwei Jahre schneller als hier in Bietigheim“, sagt Johannes Schockenhoff, Initiator der Zertifizierung für die Stadt. Angefangen habe alles bereits 2012. Die Idee dahinter: Der Verein Transfair vergibt ein sogenanntes „Fairtrade-Town-Siegel“, das Gemeinden auszeichnet, die sich die Förderung des fairen Handels auf die Fahne geschrieben haben. Um dieses Siegel zu erhalten, muss der Gemeinderat einen darauf ausgerichteten Beschluss fassen und die Gemeinde selbst muss fair gehandelte Waren anbieten. Außerdem muss eine Fairtrade-Steuerungsgruppe gegründet werden, im Einzelhandel, Restaurants und öffentlichen Einrichtungen müssen Fairtrade-Produkte zum Einsatz kommen und die örtlichen Medien müssen über die Fairtrade-Bemühungen berichten.

Die Vorbereitungen zahlten sich im Juni 2013 aus, als Bietigheim-Bissingen zur 156. Fairtrade-Stadt in Deutschland wurde. Inzwischen gibt es nach Angaben des Vereins Transfair 542 solcher Städte in Deutschland. In Bietigheim hat man unter anderem einen Flyer erstellt, der zeigt, wo man in der Stadt überall fair gehandelte Waren erwerben kann. „Der Arbeitskreis, dem ich vorstehe, trifft sich ein- bis zweimal im Jahr, um die anstehenden Projekte zu besprechen“, erklärt Schockenhoff. Nach der kleinen Feier zum Fünfjährigen steht nun am 15. September wieder ein faires Frühstück an. Daneben gebe es immer wieder Veranstaltungen und Vorträge, die auch in Kooperation mit dem Weltmarkt entstehen.

Schockenhoff selbst engagiert sich auch in der katholischen Kirchengemeinde St. Laurentius. Schon zu Studienzeiten in den 80er-Jahren habe er sich für Entwicklungshilfe interessiert. Seit den 90er-Jahren reist er regelmäßig nach Guatemala in Sachen Entwicklungshilfe. Für ihn ist Fairtrade wichtig, um ein Umdenken in der hiesigen Gesellschaft einzuleiten.

Die Kritik, dass Fairtrade bei vielen Konsumenten nur dazu beiträgt, das schlechte Gewissen zu befriedigen, tatsächlich aber wenig ändert, nimmt er an. „Natürlich können wir mir Fairtrade nicht ein ungerechtes System ändern. Aber ohne Fairtrade würden sich viele Menschen gar keine Gedanken zu den Arbeitsbedingungen in der dritten Welt machen. Natürlich ist es nur ein Tropfen auf den heißen Stein, für die Kleinbauern, aber ein wichtiger“, sagt Schockenhoff.

Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass Fairtrade die Abhängigkeit der Kleinbauern in armen Ländern nicht abbaue und so eine Verbesserung der Situation nicht nachhaltig eintrete. Dem entgegnet Schockenhoff, dass er bei seinen regelmäßigen Besuchen in Guatemala sehe, dass die Bauern, die in einem Kollektiv nach Fairtrade-Standards arbeiteten, sehr wohl profitieren. Durch die festen Einnahmen könnten sie, im Gegensatz zu anderen dort, planen und seien angehalten einen Teil der Einnahmen etwa in Bildung zu investieren. Die anderen Bauern lebten von der Hand in den Mund und würden häufig von Zwischenhändlern auch noch übers Ohr gehauen.

Kritiker führen auch an, dass Fairtrade längst zu einem reinen Geschäft geworden sei. Die großen Supermarktketten profitierten weit mehr von den höheren Preisen als die Kleinbauern. Zudem sei durch den Mengenausgleich nicht überall wo Fairtrade drauf stehe, Fairtrade drin. Schockenhoff hat sich auch mit der Kritik schon befasst und kann sie zum Teil nachvollziehen. Fairtrade sei längst keine Nische mehr und das sei eigentlich etwas Positives.

Fairtrade ist keine Nische mehr

Der Mengenausgleich, wonach etwa Nestle zehn Prozent fair gehandelte Kakaobohnen kaufen könne und dann auf zehn Prozent seiner Produkte das Fairtrade-Siegel anbringen dürfe, führe natürlich dazu, dass gerade die Tafel Schokolade, die man kaufe dann vielleicht nicht fair gehandelt sei. „Dennoch ist es gut, dass die großen Ketten auf den Zug aufspringen, denn wer im Discounter einkauft, macht sich vielleicht sonst eher weniger Gedanken um fairen Handel“, so Schockenhoff.

Dass die Arbeitsbedingungen in manchen Supermärkten hier vielleicht nicht mit dem Fairness-Gedanken der Bewegung vereinbar sind und sie deshalb kein geeigneter Partner seien, weist Schockenhoff zurück. „Für den Kaffee-Bauern in Guatemala sind das eher Luxusprobleme, die er nicht kennt, weil er ums gute Überleben kämpft“. Für Schockenhoff ist die Auseinandersetzung mit all diesen Kritikpunkten wichtig und er räumt ein, dass es an einigen Stellen noch Nachholbedarf gebe, aber die Alternative zu dem nicht vollkommenen Siegel wäre eben gar keins, glaubt er. Die Folge wäre, dass sich nur sehr wenige Menschen mit fairem Handel beschäftigten: „Das Umdenken kommt nach und nach. Es bringt nichts, drei Schritte auf einmal machen zu wollen.“ Wer sicher gehen wolle, könne immer auch in den Weltmarkt gehen.

Die Bietigheimer Gruppe hat sich als nächstes Ziel die Unternehmen vorgenommen. Man möchte erreichen, dass sich diese nicht immer nur vom Profit lenken lassen sondern auch auf faire Bedingungen Wert legen.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel