Theater Wenn die Welt langsam zerfällt

Bei „Vater“ spielen Ernst-Wilhelm Lenik und Irene Christ, ein Gespann, dem die Alzheimererkrankung zusetzt.
Bei „Vater“ spielen Ernst-Wilhelm Lenik und Irene Christ, ein Gespann, dem die Alzheimererkrankung zusetzt. © Foto: MARTIN KALB
Bietigheim-Bissingen / Frank Ruppert 12.10.2018

Einen grandiosen Theaterabend hat die Koproduktion „Vater“ des Alten Schauspielhaus Stuttgart und des Euro-Studio Landgraf am Mittwoch den Bietigheimern beschert. Das Stück des Franzosen Florian Zeller dreht sich um einen an Alzheimer erkrankten Mann. „Das Besondere ist aber nicht die Thematik – fast jeder hat mittlerweile einen Demenzkranken in der Familie oder kennt zumindest jemanden –, sondern vielmehr die Art der Erzählung“, sagt Benjamin Kernen. Der Schauspieler mimt nicht nur den Freund der Tochter in dem Stück, sondern hatte im Kronenzentrum vorab auch zu einer Einführung in das Stück eingeladen. Bei „Vater“ erlebt das Publikum alles aus Sicht des Alzheimerkranken.

Der 80-jährige André aus Paris merkt, dass sich etwas verändert. Eigentlich verändert sich ständig etwas in seiner Welt. Seine Tochter sieht nicht mehr aus wie seine Tochter. Mal will sie nach London ziehen, mal hat sie noch nie von dem Plan gehört. Überhaupt treten immer wieder neue Menschen in sein Leben, die ihm erklären, dass er sie doch schon lange kenne. Das Stück schafft es dabei auch dank seiner hervorragenden Darsteller, allen voran der bald 77-jährige Ernst-Wilhelm Lenik als André, die immer bedrückender werdende Welt von Alzheimerpatienten anschaulich darzustellen.

Und dennoch: „Es darf auch gelacht werden“, gab Kernen den Zuschauer mit auf den Weg. Es ergeben sich dann in Spielsituationen wie im täglichen Leben mit Demenzkranken auch immer wieder lustige Szenen. Etwa wenn André, der einen ziemlichen Verschleiß an Betreuerinnen hat, seine neueste Helferin beeindrucken möchte und ihr tänzelnd erzählt „Ich war profesioneller Tänzer“ und seiner Tochter nur ein geschocktes „Papa, du warst Ingenieur“ entfährt. Oder wenn der 80-Jährige über sich selbst sagt: „Ich bin sehr intelligent. Ich bin selbst immer wieder überrascht.“

Bühnenbild ändert sich

Solche Szenen helfen, dass das Stück nicht zu schwermütig erscheint, gleichzeitig schafft es das Ensemble eine tiefgründige Schwere hervorzurufen auf ganz subtile Weise. Der zu Beginn des Stücks noch fidele und agile André wird im Verlauf immer verzweifelter. Ständig sucht er seine Uhr, ständig ändern sich Dinge und immer wieder fragen ihn seine Mitmenschen „Erinnerst du dich nicht?“. Das kann nach den gut 90 Minuten wohl kaum ein Zuschauer mehr hören, weil Lenik den Schmerz, den die Frage bei André verursacht so gut darstellt. Sinnbildlich für das Fortschreiten der Krankheit ist auch das Bühnenbild, stehen am Anfang noch ein Tisch mit Stühlen und einem Sessel auf der Bühne, werden diese im Verlauf immer wieder umgestellt und am Ende ist die Bühne fast komplett leer.

Am Ende, nachdem auch die neue Betreuerin nicht mit ihm zurechtkommt und seine Tochter nach London zieht, kommt André in ein Heim. „Ich will zu meiner Mami“, weint der Senior da und kann nur schwer von der Krankenschwester beruhigt werden. „Es kommt mir vor, als fielen mir alle Blätter aus“, sagt André zum Schluss.

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