Bietigheim-Bissingen Vor allem Frieden und Arbeit

Bietigheim-Bissingen / MARTIN TRÖSTER 04.01.2016
Zum neuen Jahr darf man Wünsche äußern. Die BZ hat Flüchtlinge gefragt, die in den Sammelunterkünften des Landkreises leben. Die meisten wünschen sich Frieden - und Arbeit.

Von mehr Sport, weniger Rauchen oder weniger Völlerei redet keiner der 15 Flüchtlinge, die in Bietigheim-Bissingen und anderen Unterkünften nach ihren Wünschen für das neue Jahr gefragt werden. Wer seine Heimat verlassen hat, konzentriert sich auf das Wesentliche. Fast alle Syrer wünschen sich vor allem Frieden. "Jeder wünscht sich eben das, was er nicht hatte", sagt ein 30-jähriger Syrer, der vor dem Krieg in seiner Heimat geflohen ist und nun in einer Notunterkunft in Bietigheim-Bissingen lebt. Er sagt diesen Satz im Gespräch mit Otabor Blessing aus Nigeria. Die 29-jährige Nigerianerin ist zweifache Mutter und wünscht sich ein gutes Leben für die weniger Privilegierten dieser Welt. Otabor Blessing lebt in derselben Notunterkunft wie der 30-jährige Syrer, der anders als die Nigerianerin nicht an der Umfrage teilnehmen wollte.

Dass die meisten Befragten aus Syrien stammen, liegt auf der Hand und ist der Lage in diesem Land geschuldet - die meisten der Flüchtlinge im Landkreis stammen aus diesem vom Bürgerkrieg zerrütteten Staat: Ihr Anteil schwankt zwischen einem Fünftel und einem Viertel aller Asylbewerber im Landkreis.

Es ist auch kein Zufall, dass die meisten Umfrage-Teilnehmer junge Männer sind: Für Ältere, Kinder und die meisten Frauen sind die Wege, die ins Herz Europas führen, schlicht zu strapaziös - und zu gefährlich. Ein Foto des Jahres 2015 wird sicherlich das Bild des ertrunkenen Dreijährigen werden, der im Sommer an einen Strand im türkischen Bodrum angespült wurde. Im vergangenen Jahr hat die BZ mehrfach über die gefährlichen Reisen der Fliehenden aus Syrien, aber auch aus Afrika berichtet - zum Beispiel über einen jungen Mann, der in extrem beengten Verhältnissen mit Schlepperbanden seinen Weg von Syrien übers Mittelmeer, über den Balkan und schließlich nach Bietigheim-Bissingen gefunden hat.

Die Flüchtlinge leben mit 50 bis über 100 anderen in einer Halle, meistens teilen sie sich mit jeweils vier anderen ein knapp 25 Quadratmeter großes Abteil, das durch Stellwände von den anderen abgegrenzt ist. Sie alle haben einen Asylantrag gestellt.

Fragt man die Flüchtlinge nach ihren Wünschen für das neue Jahr, nennen die meisten von sich aus ihren wichtigsten Vorsatz: Deutsch lernen, sagen sie. Damit sie in Deutschland eine Arbeit finden können. Nicht nur der Wunsch nach einem besseren Leben, sondern der Wunsch, sich dieses Leben durch Arbeit selbst zu ermöglichen zieht sich wie ein roter Faden durch alle Antworten - ebenso wie Dankbarkeit für Deutschland, das sie aufgenommen hat.

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