Der Wahlkampf zum 6. Deutschen Bundestag lief 1969 auf vollen Touren. Knapp zwei Wochen vor der Bundestagswahl machte der damals amtierende Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger (CDU) für einen Wahlkampfauftritt in Bietigheim Station. Kiesinger war besonders bei der sogenannten Außerparlamentarischen Opposition (APO) wegen seiner NS-Vergangenheit als Bundeskanzler recht umstritten, die bereits zuvor einige Wahlkampfauftritte Kiesingers empfindlich und lautstark gestört hatte. Das sollte sich in Bietigheim wiederholen.

Kiesinger, von 1958 bis 1966 Ministerpräsident von Baden-Württemberg und anschließend Kanzler einer Großen Koalition von CDU und SPD in Bonn, war bereits 1933 in die NSDAP eingetreten. Ab 1940 war er im Reichsaußenministerium als stellvertretender Leiter der Rundfunkpolitischen Abteilung tätig. Die vor allem durch den Sozialistischen Deutschen Studentenbund getragene APO sah deshalb in Kiesinger einen Politiker, der für eine unzulängliche deutsche Vergangenheitsbewältigung stand.

Am 12. September hatte Kiesinger zunächst eine Wahlkampfveranstaltung in Stuttgart. Im Anschluss war auf Einladung des CDU-Kreisverbands Ludwigsburg um 19.30 Uhr in Bietigheim ein weiterer Auftritt vorgesehen. Eigentlich hatte man sich hier alles so schön vorgestellt. Vor Beginn der Kundgebung des Bundeskanzlers spielten unter den Arkaden am Marktplatz die Shatters. Kurz vor der Wahlveranstaltung strömten jedoch plötzlich Massen von Angehörigen der Außerparlamentarischen Opposition auf den Bietigheimer Marktplatz. Als Kurt Georg Kiesinger in Bietigheim eintraf, wurden er und sein Wahlkampftross bereits von den angereisten APO-Leuten mit einem unvorstellbar ohrenbetäubenden Lärm empfangen.

Wie der Enz- und Metterbote damals berichtete, betrat der Kanzler durch eine freigehaltene Gasse von der Oberen Hauptstraße zum Rathauseingang das Rathaus, wo er vom Balkon aus seine Ansprache halten wollte. Kiesinger, sichtlich überrascht von der Menge auf dem Marktplatz, ging am Anfang seiner Rede auf die Bundestagswahl am 28. September ein. Doch die Worte des Bundeskanzlers gingen im Grölen, Pfeifen und Johlen der APO-Demonstranten unter.

Pfiffe und Sprechchöre

Kiesinger richtete mühsam seine Worte an die Demonstranten: Ihre wilden Horden könnten für ihn keine besseren Wahlhelfer sein. Sie würden allen friedlichen und verantwortungsvollen Bürgern demonstrieren, was nach dem 28. September zu tun sei. Er appellierte an die Bevölkerung, einen Bundestag zu wählen und einer Regierung das Vertrauen zu geben, die diesem Spuk ein Ende machen werde.

Die APO störte die Rede des Bundeskanzlers weiter massiv mit Pfiffen und Sprechchören. In Anbetracht der lautstarken Proteste dürfte der Auftritt Kiesingers in Bietigheim, der wegen der Störungen insgesamt nur wenige Minuten dauerte, mit Sicherheit eine seiner kürzesten Ansprachen im gesamten Wahlkampf 1969 gewesen sein.

Gegenüber dem Enz- und Metter-Boten meinte der etwas aufgewühlte Kiesinger kurz nach der Rede, dass von rund 300 Kundgebungen, die er bisher abgehalten habe, gut 95 Prozent ungestört verlaufen seien. Im Raum Stuttgart scheine die Außerparlamentarische Opposition in jüngster Zeit jedoch sehr stark geworden zu sein.

Kiesinger trug sich anschließend in das Goldene Buch der Stadt Bietigheim ein. Im Rathaus traf er noch seinen alten Freund, den Bietigheimer Ehrenbürger Otto Rombach, die CDU-Bundestagsabgeordnete Annemarie Griesinger und den CDU-Landtagsabgeordneten Lothar Späth. Erneut kam es zu tumultartigen Szenen, als bei der Abfahrt einige Demonstranten auf das Fahrzeug des Bundeskanzlers klettern wollten. Dies konnten die Sicherheitsbeamten gerade noch verhindern. Einige Demonstranten waren mit Schutzhelmen ausgerüstet. Dies war damals recht ungewöhnlich und ließ auf eine gewisse Gewaltbereitschaft schließen. Dass es letztendlich nicht zu Schlägereien kam, schrieb man damals dem, wie es hieß, überlegenen und besonnenen Handeln der Polizei zu.

Machtwechsel in Bonn


Bei der Bundestagswahl am 28. September 1969 erlitt Kurt Georg Kiesinger mit seiner CDU leichte Verluste. Sein Koalitionspartner, die SPD, legte leicht zu und bildete mit der FDP eine sozial-liberale Koalition. Willy Brandt (SPD) löste Kiesinger als Kanzler ab. Erstmals seit 1949 musste die CDU im Bundestag in die Opposition. mh