Hobby Viele Schwalben machen schon einen Sommer

Susanne Yvette Walter 07.07.2018

Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer? Eine Scheune voller Schwalben und Sperber der DDR-Zweiradmarke Simson schon. Einer, der das aus eigener Erfahrung weiß, ist der Bietigheimer Steven Seinig, der mit diesen Legende gewordenen Kleinmotorrädern aufgewachsen ist. In Brackenheim-Dürrenzimmern hat Steven Seinig seine Werkstatt und sein Lager. Der 40-Jährige ist eigentlich Lokführer von Beruf, aber sein Hobby, das Reparieren und Instand-Setzen von alten Zweirädern der Marke Simson, liegt ihm sehr am Herzen.

Steven Seinig und die Simson-Zweiräder haben eine Verbindung, die bis in seine Kindheit zurückreicht. „Das sind die Fahrzeuge meiner Jugend. Ich komme aus dem Erzgebirge“, erzählt er. „Das, was bei euch hier die Kreidler waren, waren bei uns die Simsons. Mein Opa hatte eine Werkstatt und mir die erste Simson quasi in die Wiege gelegt. Von meinem Vater bekam ich die erste Schwalbe“, erzählt er. Natürlich hat Steven Seinig dem Opa als Kind viel beim Reparieren zugeschaut und später mitgeholfen. Auch so mancher Trabi wurde dort repariert.

In Memoriam an seinen Opa, den KfZ-Mechaniker, hat Steven Seinig nicht nur die Simson S51 in orange von ihm übernommen. Er hat die Unterschrift seines Großvaters auf einen Aufkleber drucken lassen, und der ziert jetzt das Knieblech des nostalgischen Zweirads. „Die Simson hat er mir auf dem Totenbett vermacht“, erzählt Steven Seinig. Ein Erbe mit Folgen: Im Jahr 1996 kam Steven Seinig von Aue im Erzgebirge in den Westen. Zuerst holte er sein Moped hierher und begann an der Simson S51 im Keller in Bietigheim zu arbeiten. Seit zwölf Jahren ist er nun „ausgesiedelt“, kauft und verkauft Simson-Motorräder aller Art. Gebrauchte Simson-Zweiräder kauft er im Internet oder von Kunden, die ihm die Türen einrennen, wie er sagt. „Ich habe Kunden im Alter von 14 bis 82 Jahren. Fahrer von hier und aus den neuen Bundesländern, das hält sich die Waage.“

„Die Simson-Motorräder werden immer beliebter“, beobachtet Steven Seinig. „Die Ersatzteile sind günstig und werden wieder als Neuteile produziert. Außerdem hat der Simson-Roller eine Zulassung über 60 Stundenkilometer. Ein anderer heute gebräuchlicher Roller darf gerademal 45 Stundenkilometer schnell fahren.“ Vor seiner Werkstatt hinter der Weingärtnergenossenschaft in Dürrenzimmern sind wie Perlen an der Schnur die schönsten Fahrzeuge seiner Sammlung aufgestellt. „Ich habe fünf eigene“, erzählt er stolz.

Nur die Farben seiner Simsons, die sind meistens nicht mehr original, sondern eine Laune des Mechanikers. Ein neongrüner und neonorangener Roller sind auch dabei, eine blass-rosa Schwalbe, die wohl bekannteste Simson. „Die Farbe heißt eigentlich erikaviolett“, lacht Steven Seinig und erzählt von den einfachen und eher bleichen Originalfarben grün, weiß, grau, blau, rot und braun. Aus einer Bierlaune heraus habe er da mal nachgeholfen und die Roller leuchten lassen. Besonders stolz ist Steven Seinig auf seinen „fahrbaren Rollstuhl, einen Krankentransportroller. Den gab es in der DDR auf Rezept. Die Teile stammen aus der Vogelserie. Das sogenannte Krause-Duo ist für zwei Personen ausgerichtet“. Wer ein solch seltenes Exemplar sein eigen nennen möchte, muss deutlich mehr hinblättern als für eine Schwalbe, oder einen Sperber, die in fahrbarem Zustand zwischen 1800 und 2000 Euro kosten, so Seinig. Exotische Nostalgie hat eben ihren Preis.

Geschichte der Firma Simson: Von der Militärwaffe zum Zweirad

Gegründet wurde die Firma im Jahr 1856 durch die Gebrüder Simson in Suhl. Sie starteten mit der Produktion von Holzkohlenstahl zur Herstellung von Jagd-und Militärwaffen. Ab 1872 bekam die Firma Simson Staatsaufträge zur Herstellung von Waffen. 1896 startete die Produktion von Fahrrädern. Simson wurde innerhalb kurzer Zeit einem der größten Hersteller. 1907 begann die Entwicklung von Personenkraftwägen. 1911 kam das erste fertige Modell der Simson A auf den Markt. 1924 starte Simson die Produktion von Luxusautomobilen, bekanntestes Modell war der Simson Supra. 1930 kamen Kinderwägen dazu, ebenfalls aus Suhl.

Im Zweiten Weltkrieg wurde die Firma dann zur Rüstungsproduktion umgestellt. Nach dem Krieg stieg Simson wieder in die Produktion von Jagdwaffen, Fahrräder und Kinderwagen ein, die hauptsächlich in die Sowjetunion gingen. 1955 wurden dann die ersten Mokicks und Mopeds produziert. 1962 kam der Beschluss des SED Staatsrates, Motorräder nur noch in Zschopau bei MZ produzieren zu lassen. Am 13.September 1962 verließ das einmillionste Fahrzeug die Werkshallen in Suhl. Ende 1980 verließen pro Jahr knapp 200 000 Fahrzeuge die Produktionshallen.

Die bekanntesten Fahrzeuge sind: S50, S51, die sogenannte Vogelserie mit Spatz, Star, Habicht, Sperber und natürlich die Schwalbe. Am 31. Dezember 1991 wurde die Produktion komplett eingestellt. Ab 1992 entstanden die Suhler Fahrzeugwerk GmbH. Am 1. Februar 2003 kam der Niedergang mit Versteigerung aller Produktionsanlagen und des Betriebsvermögens. Die seit 1993 betehende Meyer-Zweiradtechnik-Ahnatal GmbH (MZA) übernahm 2003 den Großteil der Vermögenswerte, Waren und Lagerbestände sowie die Zeichnungs- und Urheberrechte der Marke Simson. Dadurch konnte bis heute die Ersatzteilversorgung für fast alle Fahrzeuge gewährleistet werden. suy

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