Historie Ort der Fabriken und der Hitlerjugend

Bietigheim-Bissingen / Julia Schweizer 13.04.2017

Es muss wohl damals so etwas wie der ideale Standort gewesen sein, direkt am Ufer der Metter. Nicht umsonst wurde an der heutigen Farbstraße eine Mühle errichtet, die dort immerhin rund fünf Jahrhunderte lang bis 1820 stand. Danach waren Industriebetriebe, Gebäude für die Hitler-Jugend und Zwangsarbeiter, zuletzt die Polizei und dann die Bietigheim-Bissinger Verwaltung dort beheimatet. Doch der Standort birgt auch Gefahren durch das Wasser – und deshalb soll das Element künftig wieder eine größere Rolle spielen. Auch wegen Hochwassergefahr müssen die ohnehin alten Gebäude weichen, erste Abrissarbeiten im Innern laufen bereits seit dieser Woche – Anlass für einen Rückblick auf die wechselvolle Geschichte.

Bis zum Jahr 1304 lassen sich die Spuren zurückverfolgen, damals wurde die Untere Mühle für Getreide genutzt, später für Öl, Tabak und Gips. Nach dem Abbruch 1820 war dort eines der ersten Fabrikgebäude: Der erste Industriestandort Bietigheims entstand, und hielt sich bis 1934, als die Faber’sche Holzwarenfabrik den Betrieb einstellte.

Diese letzten Unternehmer haben die Grundsteine für die heutigen Gebäude mit den Hausnummern 15, 17 und 19 gelegt. An sie gibt es bis jetzt noch eine indirekte Erinnerung. Mit einer Tafel am Gebäude, das der Einfahrt am nächsten steht, wird den im Ersten Weltkrieg gefallenen Faber-Betriebsangehörigen gedacht. Wo die Tafel nun hinkommt, ist laut Stadtarchivarin Sonja Eisele offen: „Ein Standort auf dem Friedhof wird es aber sicher nicht, eher vermutlich irgendwo im Zusammenhang mit der Neugestaltung des Areals.“

Ort für HJ, Flüchtlinge und Kinder

Einem von den Fabers errichteten Haus kam wenig später eine unrühmliche Besonderheit zu. Die Farbstraße 15 wurde 1936, nachdem auch der Kamin und einige Nebengebäude abgerissen worden waren, eines der ersten Hitlerjugend-Heime in Deutschland. Das „Haus der Jugend“ verfügte über 16 Gruppenräume und zwei Säle. 1943 musste die HJ das Gebäude allerdings räumen, denn immer mehr Zwangsarbeiter waren in der Stadt – hier sehen Historiker auch einen Zusammenhang zu einem der wenigen Durchgangslager im Deutschen Reich – und mussten untergebracht werden. Bis 1945 war die Farbstraße 15 ein städtisches Zwangsarbeiterlager, nach Kriegsende dann vorübergehende Heimat für Flüchtlinge. Ab dem Oktober 1948 zogen dann wieder Kinder in das Gebäude: erst beherbergte es die Metterschule, vom Herbst 1982 bis zum Abriss 2012 war es das Jugendhaus.

Nummer 17: Polizei und Kleider

Letzteres war nicht ohne Grund geschehen. Denn nach der Nutzung als Arbeitsamt und Vermessungsamt war das bis dahin im Rathaus stationierte Polizeirevier in die Farbstraße 17 gezogen. Die Nähe gefiel nicht jedem Stadtrat, viele Provokationen wurden befürchtet – aber unbegründet.

Mit dem Einzug der Polizei rückte das Gebäude aber auch in einen bundesweiten Fokus, denn hier arbeitete zur Hochzeit der RAF die Sonderkommission des Bundeskriminalamts. Grund war die Nähe zum Karlsruher Tatort des Mordes an Generalbundesanwalt Siegfried Buback und den Auffindeorten von Fluchtfahrzeugen in Sachsenheim.

Mitte September 2007 zog das Revier an seinen heutigen, größeren Standort – dort standen einst Reifekammern für Linoleum der Firma DLW – an der Stuttgarter Straße, ebenso die Mitarbeiter der Polizeiposten in Buch und Bissingen. Aufgelöst wurde damit auch die Außenstelle der Kriminalpolizei am Bahnhofsplatz.

Das gleiche Schicksal ereilte Ende März einen weiteren Nutzer: die Kleiderkammer für Flüchtlinge, die Anfang 2016 auf einige städtische Ämter gefolgt war. Doch nachdem die Flüchtlingszugangszahlen sanken und kein alternativer Standort gefunden werden konnte, war Schluss. Anlaufstelle für gebrauchte Kleidung ist damit nur noch das „Neufundland“. Und auch die Radierwerkstatt von Künstler Roland Bentz musste ausziehen.

Nummer 19 als Ämterstandort

Waren in der Nummer 17 nur wenige und auch nur zeitweise städtische Mitarbeiter untergebracht, so war das im Nachbargebäude ganz anders. Die Farbstraße 19 beherbergte zunächst das Technische Rathaus, den Bauhof und die Schlosserei und – nach einem Intermezzo der Gewerbe- und Handelsschule sowie der Frauenarbeitsschule – das Bürgeramt, Standesamt sowie das Ordnungsamt. Sie sind seit Mitte Januar in dem neuen Verwaltungsgebäude an der Löchgauer Straße. Es ist moderner und bietet mehr sicheren Lagerplatz für Akten, vor allem aber ist es fern des Wassers.

Und das weiß Stadtarchivarin Sonja Eisele zu schätzen, die sich noch gut daran erinnert, wie sie mit Kollegen schon mit Sandsäcken zum Schutz bereit stand. Die letzten heftigen Hochwasser gab es 1990 und 1993, so Eisele, die noch Fotos hat, die einen überschwemmten Parkplatz zeigen.

Parkplätze soll es auch nach dem Abriss der beiden Gebäude zunächst auf der entstehenden Brachfläche geben. Später aber ist eine naturnahere und freizeitfreundliche Gestaltung für die Stadt denkbar. Als einen nötigen Schritt dazu hat sie unlängst auch vom Technischen Ausschuss das grüne Licht für die Fortschreibung der Mettertalanalyse und Planungsleistungen an Landschaftsarchitekten bekommen (die BZ berichtete). Und damit wird auch das Wasser wieder eine größere Rolle für dieses Gelände spielen.

Vom Mühlen- zum ersten Industriestandort

Die Untere Mühle wurde von Antonia Visconti 1390 an einen Müller verliehen. 1536 ging sie an die Stadt, die eine neue Getreidemühle an der Enz errichtet hat. Die Untere Mühle wird folglich als Walkmühle für die Tuchmacher, als Lohmühle für die Gerber (1651), als Ölmühle und Hanfreibe sowie Stampfmühle (1765), schließlich als Gips- und Tabakmühle (1771) genutzt – bis zum Abbruch 1820.

Mit der Industrialisierung errichten die Gebrüder Hiller an diesem Standort ihre Wollspinnerei, die 30 Jahre später mit mehr als 2000 Spindeln produzieren konnte. 1855 richtete Gottlob Kleemann eine Holzmosaikfabrik ein, ehe 1862 wieder eine Sägemühle auf dem Gelände errichtet wurde. 1868 übernahmen die Gebrüder Träger die Fabrik von Kleemann und produzierten Haus- und Küchengeräte aus Holz für die Stuttgarter Firma Gutbrod und Cie, die Haushaltswaren aus Glas, Porzellan und auch Holz vertrieb. 1882 wurde das Gebäude durch einen Brand zerstört, und wieder aufgebaut. Vier Jahre später entstand ein neues Sägmühlgebäude.

Ein neuer Eigentümer kommt wenig später mit Arthur Faber. Er war zunächst Teilhaber von Gutbrod und Cie, ab 1890 der alleinige Inhaber und kaufte die Firma Träger auf, nachdem diese nach Südamerika ausgewandert war. Es folgte die Umbenennung – und ein rasanter Aufstieg. 1910 hatte die Firma Faber 400 Beschäftigte, 1922 bereits 450 und war damals das größte Unternehmen dieser Art in Deutschland, so das Stadtarchiv. Faber produzierte Haus- und Küchengeräte aus Holz, sowie vor allem Kleinmöbel und in geringem Umfang auch Größeres wie Schreib- oder Frisiertische. 1934 stellte die Faber’sche Holzwarenfabrik ihren Betrieb ein. Am 30. Juni 1936 wurde das Gelände samt Wasserrecht von der Stadt gekauft, der Faberkamin und verschiedene Nebengebäude abgebrochen und im Jahr darauf das Metterwehr beseitigt und der Werkskanal aufgefüllt. jsw/bz

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