Einer zunächst wenig begeisterten Preisträgerin hat Staatsminister Klaus-Peter Murawski am Donnerstag das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen. Die Metterzimmerin Lore Bernecker-Boley wurde für ihre Arbeit als „zentrale Leitfigur für Geflüchtete und Ehrenamtliche“ geehrt. Doch die 78-jährige Geehrte wollte das Bundesverdienstkreuz zunächst gar nicht annehmen, sagt Lore Bernecker-Boley gegenüber der BZ: „Ich habe überlegt, die Ehrung dankend abzulehnen.“ Zum einen, weil es so viele Aktive in Bietigheim-Bissingen gebe und weil für sie diese Auszeichnung für Flüchtlingsarbeit im Widerspruch zur derzeitigen Flüchtlingspolitik der Regierung steht.

Seit dem Satz „Wir schaffen das“ habe sich die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung gravierend zum Nachteil vieler Menschen entwickelt. Lore Bernecker-Boley führte in ihrer Rede am Donnerstag bei der Verleihung in der Villa Reitzenstein in Stuttgart an, dass die Entscheider beim Bundesamt für Migration und in den Verwaltungsgerichten überlastet seien. Außerdem hat die Vorsitzende des Ökumenischen Freundeskreises Asyl keinerlei Verständnis für Bestrafungen wie Arbeitsverbote. „Es verdammt junge, arbeitsfähige Männer zum Nichtstun.“ Die Ehrenamtlichen in der Stadt stünden dem hilflos gegenüber – „wir erleben, dass unser Einsatz zunichte gemacht wird.“ 

Letztlich hat sich die 78-Jährige dennoch entschlossen, die Auszeichnung des Bundes, überreicht vom Chef der Staatskanzlei entgegenzunehmen. Klaus-Peter Murawski hob besonders den „aufmerksamen Blick für die Probleme und Bedürfnisse Anderer“ hervor, mit dem die Preisträgerin Menschen auf ihrem Weg in eine neue Zukunft begleitet. Nun will sie ihre Stimme nutzen und sich den mehr als 140 Trägern des Bundesverdienstkreuzes anschließen, die jetzt per Unterschriftenliste den Bundestag auffordern, eine Enquetekommission zum Thema Fluchtursachen einzurichten. „Die Kommission soll prüfen, wo und wie unser Lebensstil, unser Wirtschaften und unsere Politik die Bedingungen in anderen Teilen der Erde verschärfen, sodass Menschen ihre Heimat verlassen“, erklärt die Bietigheim-Bissingerin.

Mit Sorge betrachtet sie die Situation in den Anschlussunterkünften und Erstunterbringungen in der Stadt. „Es gibt viele Bewohnerwechsel in der Geisinger Straße, da hat man kaum noch den Überblick.“ Schwerer wiege allerdings die Unterversorgung mit Sozialarbeitern: „Deren Stundenzahl wurde reduziert, weil es seit kurzem die Integrationsmanager des Landkreises gibt“, sagt Lore Bernecker-Boley. Die Stellen seien zwar ausgeschrieben, hätten aber nicht so schnell besetzt werden können. „Für die Bewohner der Holzhäuser waren mal vier Sozialarbeiter zuständig, jetzt sind es nur noch zwei für 350 Leute.“ Die 78-Jährige sieht eben auch die Schwachstellen der Flüchtlingsarbeit.

Info Im Jahr 1991 gründete Lore Bernecker-Boley zusammen mit Mitstreitern den Ökumenischen Freundeskreis Asyl Bietigheim-Bissingen. Seitdem ist sie im Lenkungskreis aktiv, leitet die Geschäfte und vertritt den Freundeskreis nach außen. Darüber hinaus gibt sie selbst Sprachkurse, organisiert Kontakttreffen, Freizeitangebote und Arbeitsmöglichkeiten.

Weitere geehrte Persönlichkeiten der Stadt


113 Träger des Bundesverdienstkreuzes gibt es aktuell in Bietigheim-Bissinge, die Stadt führt eine Liste über ihre geehrten Einwohner. Zuletzt wurde 2016 Stadträtin Traute Theurer und im vergangenen Jahr Wolfgang D. Heckeler mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland geehrt. Heckeler war mehr als 30 Jahre lang, von 1983 bis 2016, Chef der Bietigheimer Wohnbau. Er erhielt die Auszeichnung für sein ehrenamtliches Engagement in Sachen Immobilienwirtschaft. Traute Theurer sei ein gutes Beispiel dafür, dass Ökologie und Ökonomie sich nicht zwingend unversöhnlich gegenüberstehen müssen, sondern dass mit einer großen Portion Vernunft meist ein guter Kompromiss zu finden ist, hieß es in der Laudatio.

250 Tausend Mal wurde die Auszeichnung bis Anfang 2014 ungefähr verliehen. Der Verdienstorden geht an Bürger für politische, wirtschaftlich-soziale und geistige Leistungen sowie für besondere Verdienste um die Bundesrepublik, wie zum Beispiel im sozialen und karitativen Bereich. Er ist die einzige allgemeine Verdienstauszeichnung in Deutschland und damit die höchste Anerkennung, die die Bundesrepublik für Verdienste um das Gemeinwohl ausspricht. Die Geehrten werden vorgeschlagen. Eine finanzielle Zuwendung erhalten sie nicht. cri