Justiz Täter und Opfer umarmen sich

Bernd Winckler 08.06.2018

Es war eine ganz besondere Entschuldigung im Heilbronner Schwurgerichtssaal: Die 24-jährige Frau, die in Bietigheim-Bisssingen den Liebhaber ihrer Freundin mit Messerstichen verletzte, um der Freundin einen Dienst zu erweisen (die BZ berichtete), hat sich am zweiten Prozesstag bei dem Opfer entschuldigt. Nach dieser Entschuldigung umarmten sich die 24-Jährige und der Mann minutenlang.

Er habe schon viele Arten von Entschuldigungen der Angeklagten miterlebt, sagte Roland Kleinschroth, Schwurgerichtsvorsitzender der 1. Großen Strafkammer im Heilbronner Landgericht. Aber eine solche Entschuldigung mit anschließender Versöhnung zwischen Täterin und Opfer sei ihm noch nicht untergekommen. Der Mann nahm die Entschuldigung an, seine Ehefrau allerdings nicht. Die Entschuldigung könnte der 24-Jährigen, die sich wegen versuchten Totschlags, gefährlicher Körperverletzung sowie Bedrohung und Beleidigung verantworten muss, milde gestimmte Richter einbringen. Das jedenfalls hoffen ihre beiden Verteidiger.

Unter der Gürtellinie

Wie berichtet, soll das verheiratete Opfer seit längerer Zeit mit der Freundin der Angeklagten ein Liebesverhältnis unterhalten haben, welches Anfang dieses Jahres in die Brüche ging, weil der Mann sich nicht scheiden lassen wollte. Daraufhin schmiedeten die beiden Freundinnen offensichtlich den Plan, ihn zur Rede zustellen, was dann am Abend des 23. Januar dieses Jahres geschah. Vor der Wohnung des Mannes eskalierte dies jedoch – und endete im Beisein von dessen Ehefrau mit den Messerstichen gegen den Mann. Bei dem Gerangel auf der Treppe wurden allerdings Täter und Opfer verletzt. Beide landeten im Bietigheimer Krankenhaus. In den Ermittlungen heißt es, dass die Angeklagte erst nach dem vierten Stich gegen den Mann von diesem entwaffnet werden konnte.

Nachteilig für die jetzt Angeklagte könnte trotz des Geständnisses und der Entschuldigung, aber auch eine Äußerung sein, die sie im Januar kurz nach ihrer Festnahme einer Polizeibeamtin sinngemäß gesagt haben soll: Sollte die Messer-Attacke nicht erfolgreich sein, dann werde ein neuer Versuch stattfinden. An die Äußerung kann sich die Kriminalbeamtin jetzt jedoch nicht mehr genau erinnern.

Im Zuge der Ermittlungen stellten die Beamten der Mordkommission aber fest, dass es sich tatsächlich um eine Art Beziehungstat handelte. Denn zuvor habe es zahlreiche gegenseitig tief unter der Gürtellinie beleidigende Text-Nachrichten zwischen dem Mann und der Angeklagten gegeben, wobei auch die Ehefrau des Opfers mit einbezogen war. Auf die Verlesung des Inhalts dieser Passagen verzichtete die Strafkammer, da es aufgrund des Themas die Gerichtswürde nicht zulasse. Bewiesen ist inzwischen auch, dass die Angeklagte den Messerangriff gegen den Mann offensichtlich in eigener Regie plante und ausführte. Ihre Freundin bekundete glaubhaft, dass sie davon keine Ahnung hatte, das Messer allerdings aus ihrem Haushalt stamme.

Eine psychiatrische Gutachterin soll am nächsten Verhandlungstag feststellen, ob die 24-Jährige zur Tatzeit ihre Schuld- und Einsichtsfähigkeit besaß. Am Mittwoch nächster Woche soll das Urteil verkündet werden. Bei versuchtem Totschlag drohen im schlimmsten Fall bis zu 15 Jahre Haft.

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