Bietigheim-Bissingen Stolpersteine: "Die Opfer waren doch ganz normale Menschen"

Bietigheim-Bissingen / SUSANNE YVETTE WALTER 25.11.2014
In drei Stadtteilen wurden am Montag "Stolpersteine" im Gedenken an Euthanasieopfer verlegt, die während der Zeit des NS-Regimes ermordet wurden. Der Künstler Gunter Demnig war hierzu nach Bietigheim-Bissingen gekommen.

Sogenannte "Stolpersteine" sollen das Andenken an Euthanasieopfer wachhalten und postum nach ihrem qualvollen Tod ihre Würde wiederherstellen. Der Künstler Gunter Demnig gab vor 20 Jahren schon die Initialzündung für diese Form des Erinnerns an behinderte Menschen, die ihr Leben während der Zeit des Nazi-Regimes verloren hatten.

In Bietigheim, in Untermberg und in Bissingen wurden am Montag unter reger Beteiligung der Bevölkerung drei weitere "Stolpersteine" vor den Häusern der T4-Opfer Eugen Brust, Emil Weil und Frida Ziegelmaier verlegt. Der Landtagsabgeordnete Thomas Reusch-Frey übernahm die Moderation. Zeitzeugen, die einen Bezug zu den Opfern hatten, kamen zu Gehör. Schüler der Realschule in Bissingen hatten die Lebensläufe der Betroffenen recherchiert, die alle im Konzentrationslager Grafeneck ums Leben kamen.

Ergreifende Szenen spielten sich vor den Häusern in der Bissinger Straße in Untermberg, in der Bahnhofstraße in Bissingen und in Bietigheim, in der Pfarrstraße ab: Vor dem malerischen alten Fachwerkhaus in der Pfarrstraße 6 in Bietigheim versammelte sich ebenso wie in Untermberg und in Bissingen eine Menschentraube, um dabei zu sein, als gestern früh der letzte "Stolperstein" aus Messing mit dem Handbesen freigefegt und zum Glänzen gebracht wurde.

"Das waren doch ganz normale Menschen und es gab überhaupt keinen Grund für diese Morde", stellte Kristina Capitzki von der Bissinger Realschule fest. Gemeinsam mit ihren Klassenkameraden Jenny Madjar und Dennis Schneider hatte sie sich mit der erschütternden Vita einer deportierten Bietigheimerin befasst. "Eine Pockenimpfung hatte bei Frida Ziegelmaier als Kind eine Epilepsie ausgelöst", berichtete auch die Großnichte des Opfers, Ursula Gentner. Sie erzählte weiter, was sie von ihrer Mutter beziehungsweise von ihrer Großmutter über die Großtante erfahren hatte.

"Sie war wohl oft wütend darüber, dass sie vor lauter Zittern nicht handarbeiten konnte." Im letzten Wohnsitz der Frieda Ziegelmaier, wo unten heute eine Ferienwohnung eingerichtet ist, übernachtete der Stolperstein-Erfinder Gunter Demnig vor der Verlegung in Bietigheim-Bissingen. "Das kommt wohl nur ganz selten vor, dass er im letzten Wohnsitz eines Opfers übernachten kann", machte Thomas Reusch-Frey deutlich. Der Schirmherr der Stolperstein-Verlegung, Oberbürgermeister Jürgen Kessing, beleuchtete mit deutlichen Worten den Hintergrund für die Initiative in Bietigheim: "Gegen das Vergessen und für die Erinnerung" seien die Stolpersteine gedacht. Sie sind gekoppelt an einen Aufruf an die Bevölkerung, immer um die Grundmenschenrechte jeden Bürgers zu kämpfen. Kessing sagte: "Wir leben in hier in der längsten Friedensperiode, die es je gab und dennoch teilt nicht jeder das demokratische Gedankengut." Der evangelische Pfarrer Bernhard Ritter der benachbarten Stadtkirche freute sich sehr über diese Geste der Wiederherstellung menschlicher Würde der toten Opfer. Ritter lud im Anschluss ins Gemeindehaus zu weiteren Gesprächen ein. In der Bissinger Straße in Untermberg hatte Monika Daub den Bezug zu NS-Opfer Eugen Brust hergestellt. Sie erzählte, dass er wohl ein musikalischer und wissbegieriger Junge gewesen sei mit einem glücklichen Leben, bis er es "an die Nerven bekam", so Brusts Vater. Von da an wurde er zum Sonderling, der schließlich, ebenso wie die anderen beiden Opfer, in Grafeneck vergast wurde.

Sensibel hatten die Realschüler der Klasse 10, die Organisation der drei Stolperstein-Verlegung organisiert und gehandhabt. Im Publikum hatten sie sich bei allen drei Verlegungen verteilt und stellten Fragen zum Leben der Opfer, die die jeweiligen Referenten beantworteten. Weil Euthanasieopfer Eugen Brust wohl ein leidenschaftlicher Gitarrist war, griff Rainer Bauer von der Diakoniestation zur Gitarre, um auf die Zeremonie vor den Häusern musikalisch einzustimmen. Reusch-Frey drückte seine Freude darüber aus, dass die Verlegung auf so viel Zuspruch in der Verwaltung und in der Bevölkerung stößt. Sowohl auf dem Rathaus als auch bei den heutigen Bewohnern der entsprechenden Häuser hat die Idee spontan Gesinnungsträger gefunden. Die Initiative "Stolpersteine in Bietigheim-Bissingen" hat ihr Ziel erreicht.

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