Bietigheim-Bissingen / Günther Jungnickl

Mit dem an der Münchener Universität lehrenden Professor für systematische Theologie und Ethik, Dr. Reiner Anselm, und dem SPD-Fraktionschef im Stuttgarter Landtag, Andreas Stoch, hatte der vorbereitende Ausschuss des Bietigheimer Tags um die beiden Pfarrer Thomas Reusch-Frey und Bernhard Ritter zwei prominente und versierte Referenten gewonnen. Der eine verpackte sein Statement in die morgendliche Predigt und der Fraktionsvorsitzende in seinen Vortrag. Nachdem bei der Auftaktveranstaltung des Bietigheimer Tags am Samstag Jugendliche zu Wort kamen (siehe Text links), wurde die Diskussion unter dem Motto „Demokratie leben – jetzt erst recht!“ am Sonntag in der bis auf den letzten Platz gefüllten Stadtkirche weitergeführt.

Beide, Anselm und Stoch, stellten sich anschließend auch noch im benachbarten evangelischen Gemeindehaus einer Podiumsdiskussion, an der auch noch vier weitere Teilnehmer dem Publikum Rede und Antwort standen: Professor Barbara Traub, die Vorsitzende der Israelischen Religionsgemeinschaft Württembergs, Wolfgang Antes vom Demokratiezentrum Baden-Württemberg in Sersheim, Juso und Wirtschaftsstudent Tamer Aydemir und der Chef vom Dienst der Bietigheimer Zeitung, Jörg Palitzsch.

Schon Oberbürgermeister Jürgen Kessing war in seiner kurzen Begrüßungsrede auf das terroristische Attentat von Neuseeland zu sprechen gekommen, also „ein Thema, bei dem wir über den Tellerrand blicken müssen“. Umso mehr sprach er von der Genugtuung, die er empfunden habe, als er nachträglich von dem „Bündnis für Menschlichkeit statt Hass“ erfuhr, das sich in seiner Stadt über Parteigrenzen hinweg gefunden hatte. 500 Menschen seien zu einer Demonstration gegen Rechts auf die Straße gegangen. 70 Jahre in Demokratie, in Frieden und Freiheit seien nach dem Zweiten Weltkrieg vergangen, sie wären nicht umsonst gewesen. Denn die Menschen in Bietigheim-Bissingen seien selbstbewusst und weltoffen, allein schon wegen der wirtschaftlichen Erfolge, so Kessing.

Auch Andreas Stoch setzte sich „als Christ und Sozialdemokrat“ in seinem Referat mit dem Thema Demokratie auseinander, das durch den Missbrauch des Internets in Gefahr zu geraten scheint, so der Politiker. „Digitales Gebrüll“ nannte der SPD-Mann diese Auswüchse ohne jede Rücksichtnahme. Sie seien einem „Wunsch nach Allmacht“ geschuldet, wobei der Wahrheitsgehalt keine Rolle mehr spiele. Dennoch warnte er davor, die Sozialen Medien in Bausch und Bogen zu verdammen. Er plädierte offen für die Nutzung dieser Medien, weil er in der Artenschutz-Abstimmung von Bayern und in den Freitagsdemonstrationen durch Schüler für den Klimaschutz hoffnungsvolle Ansätze sieht. „Denn die Menschen wollen beteiligt werden“, ist sich Stoch sicher. Deshalb plädierte er auch für mehr Einzelabstimmungen bei großen Projekten, wo sich auch parteiübergreifend und ideologiefrei Menschen dafür oder dagegen entscheiden könnten. Als Vorbild nannte er die Schweiz, denn das sei eine große Chance für mehr Demokratie.

Gegen Minderheitenschutz

Dem widersprach Ethikprofessor Dr. Reiner Anselm in der anschließenden Diskussion im evangelischen Gemeindehaus. Dem gefiel nämlich keinesfalls der Minderheitenschutz, wie ihn die Schweiz handhabt. „Das ist in Deutschland wesentlich besser geregelt“, meinte er.

Im Übrigen sprach sich der Münchener dafür aus, dass alle umdenken müssten: „Denn unverrückbare Wahrheiten gibt es nicht mehr.“ Revidierbar zu sein, sei die Lösung. Selbst das Grundgesetz habe von Fall zu Fall angepasst werden müssen.

Für Professor Traub ist inzwischen die AfD eine relativ große Fraktion auch in Baden-Württemberg, wenn man nach Polen, Ungarn, nach Österreich, in die USA oder nach England blicke, feierten nationalistische Töne fröhliche Urstände. Auch antisemitische Anfeindungen seien keine Seltenheit mehr. „Wo Menschen sich radikalisieren, geht Vertrauen kaputt“, beklagte sie. Die Bürgergesellschaft alter Schule, die geprägt war aufgrund eben dieses Vertrauens gebe es nicht mehr. Deshalb müssten Brücken gebaut werden, um sie wieder herzustellen.

„Gibt es Politikverdrossenheit bei der Jugend?“ will Pfarrer Reusch-Frey von Juso Aydemir wissen. Der Student räumt ein, dass zwar junge Menschen ungern zu Wahlen gehen, trotzdem plädiert er für das Wahlrecht für 16-Jährige. „Denn Jugendliche lassen sich durchaus aktivieren, wie die Freitagsdemonstrationen für Klimaschutz bewiesen haben.“

Jörg Palitzsch ist seit 40 Jahren Journalist und hat inzwischen festgestellt, dass die Leser immer kritischer geworden sind. „Demokratisierung bedeutet für mich Leserbeteiligung“, sagt er. Im Übrigen ist er sich sicher, dass auf lokaler Ebene keine Fakenews passieren können, weil in einem eng begrenzten Gebiet „jeder jeden kennt“ und die Menschen genau wüssten, was vor ihrer Haustür passiert.