Umwelt Stadt hat was auf dem Ökokonto

Die Erschließung des Baugebiets Haslacher Weg in Metterzimmern läuft. Zum ökologischen Ausgleich für die Eingriffe in die Landschaft diente unter anderem eine Fischtreppe an der Metter.
Die Erschließung des Baugebiets Haslacher Weg in Metterzimmern läuft. Zum ökologischen Ausgleich für die Eingriffe in die Landschaft diente unter anderem eine Fischtreppe an der Metter. © Foto: Martin Kalb
Bietigheim-Bissingen / Uwe Mollenkopf 06.06.2018

Für Sie war es wichtig, den Ausgleich zu schaffen – ob über das von Ihnen angelegte Ökokonto oder durch neue Biotope an Stellen, an denen sie sich andere vorher niemals hätten vorstellen können.“ So äußerte sich Oberbürgermeister Jürgen Kessing beim Abschied des langjährigen Leiters der Stadtgärtnerei und des Bauhofs, Hermann Großmann. In der Tat ist das von ihm in der Stadt eingeführte Ökokonto mittlerweile zu einem wichtigen Instrument geworden, um Bauvorhaben verwirklichen zu können.

Das Ökokonto füllen

Hintergrund ist die sogenannte Eingriffs-Ausgleichs-Regelung, wonach Eingriffe in die Natur durch Aufwertungen an anderer Stelle ausgeglichen werden müssen. Beispielsweise die Anlage einer neuen Straße durch den Rückbau einer alten Straße oder Baumpflanzungen an anderer Stelle. Durch die Ökokonto-Verordnung, die 2011 in Kraft getreten ist, kann eine Kommune solche Aufwertungsmaßnahmen auch freiwillig und auf Vorrat durchführen, um sie später als Maßnahme zur Kompensation von Eingriffen in Natur und Landschaft zu verwenden. Als Verrechnungseinheit dienen dabei Ökopunkte.

In der Praxis sei die Anwendung allerdings ziemlich komplex, sagt Sprecherin Anette Hochmuth. Das Ökokonto sei kein Bankkonto, bei dem die „Ersparnisse“ einfach entnommen werden können. Vielmehr müssten die Eingriffe und der anrechenbare Ausgleich vom Typus her zusammenpassen.

Beispiel Haslacher Weg: Für das – aufgrund der hohen Grundstückspreise heiß diskutierte – Neubaugebiet hatte das beauftragte Büro im Umweltbericht nach Abzug aller anderen Ausgleichsmaßnahmen noch einen Kompensationsbedarf von 159 705 Ökopunkten errechnet.

Um diese aufzubringen, war auf dem Ökokonto der Stadt die dort verbuchte Neuanlage einer naturnahen Sohlgleite zur Wiederherstellung der Durchgängigkeit der Metter bei Metterzimmern herangezogen worden. Diese Fischtreppe wurde bei Baukosten von 127 154 Euro mit 508 617 Ökopunkten bewertet (Faktor 4) – also mehr als genug, um den Bedarf an Ökopunkten im Haslacher Weg zu decken und darüber hinaus noch für spätere Bauvorhaben in der Stadt zur Verfügung zu stehen. Weitere Maßnahmen, für die es Ökopunkte gibt, sind in Bietigheim-Bissingen beispielsweise das Feuchtbiotop „Seewäldchen“ oder ein Trockenbiotop im Rotenacker Wald. Die Stadt pflege diese Biotope, um ihren ökologischen Wert zu erhalten, so Hochmuth. Auch in der Nachbargemeinde Ingersheim wurde jüngst ein Projekt gestartet – die Vernetzung von Biotopen –, um Ökopunkte für zukünftige Bauvorhaben zu sammeln. In Bietigheim-Bissingen könnten weitere Ökopunkte benötigt werden, sollte der regionale Gewerbeschwerpunkt in Bissingen doch noch verwirklicht werden.

Region setzt auf neues Projekt

Freilich wird der Flächenausgleich in der dicht besiedelten Region Stuttgart mit hoher Nachfrage nach Wohnbau- und Gewerbeflächen immer mehr zum Problem. Die unzureichende Verfügbarkeit von Ausgleichsflächen gelte innerhalb der kommunalen Bauleitplanung zum Teil als erhebliche Hürde für die Ausweisung neuer Baugebiete, heißt es in einem Bericht des Verbands Region Stuttgart. Darin wird auch darauf hingewiesen, dass es die Landwirtschaft oft gleich doppelt trifft: Sie verliert Flächen durch neue Bauvorhaben und darüber hinaus durch Ausgleichsflächen, die auf landwirtschaftlich genutzten Flächen umgesetzt werden.

Um dafür neue Wege zu finden, beteiligt sich die Region an dem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Projekt „Ramona“ („StadtRegionale Ausgleichsstrategien als Motor einer nachhaltigen Landnutzung“). Ziele des Projekts, an dem sieben Partner unter Koordination der Technischen Universität Aachen mitwirken, sind unter anderem, für die Landwirtschaft konfliktarme Kompensationsflächen zu finden oder regionsweite Ausgleichsmaßnahmen zu untersuchen.

Bis Ergebnisse vorliegen, wird es allerdings noch etwas dauern. Das Projekt startete im März 2018 und hat eine Laufzeit von zunächst drei Jahren mit der Option der Verlängerung auf insgesamt fünf Jahre. Inwieweit bis dahin das umstrittene Gewerbegebiet bei Bissingen ein Thema ist, steht auf einem anderen Blatt.

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