Dachverbandstagung Sportler wollen jetzt Taten sehen

Die Debatte um neue Sportstätten in Bietigheim-Bissingen nimmt wieder Fahrt auf. Ein Wunsch  ist dabei auch eine Ballsporthalle. Das Bild zeigt ein Spiel der BBM in der EgeTrans Arena.
Die Debatte um neue Sportstätten in Bietigheim-Bissingen nimmt wieder Fahrt auf. Ein Wunsch  ist dabei auch eine Ballsporthalle. Das Bild zeigt ein Spiel der BBM in der EgeTrans Arena. © Foto: Martin Kalb
Bietigheim-Bissingen / Walter Christ 16.05.2018

Wir sind keine maßlosen Bittsteller, die unberechtigte Forderungen stellen, und ich wehre mich auch  gegen die stete Titulierung ,Wunschkonzert´“, sagt Günter Krähling. „Der Bedarf ist eindeutig und immens, zumal immer mehr junge Menschen zum Sport wollen und seit 2006 nur saniert wurde. Wir kommen um rasche Lösungen nicht mehr herum. Das heißt, wir brauchen alles und zwar sofort.“ Mit dieser Formulierung brachte der Vorsitzende des über 14 000 Mitglieder zählenden Stadtverbandes für Sport auf den Punkt, was zuvor bei einer dreieinhalbstündigen Klausurtagung in Bretzfeld-Bitzfeld zum Thema Sportstätten in Bietigheim-Bissingen zu vernehmen war.

Bedarf an Sportstätten

Hätte es noch eines Beweises bedurft, dass der Bedarf an Sportstätten eindeutig ist, so hätte ihn auch Kultur- und Sportamtsleiter Stefan Benning bei der Tagung erbracht, als er einleitend das Ergebnis einer städtischen Umfrage-Aktion unter den Sportvereinen der Stadt darstellte (siehe Infokasten). Dabei sind die Schulen noch gar nicht eingebunden gewesen, was nun bis zum Sommer laut Oberbürgermeister Jürgen Kessing auf Anregung von Anette Wengert (BHTC) noch geschehen kann beziehungsweise soll.

In der sachlichen Runde, die von dem Stuttgarter Coach Jan Eric Weinhold moderiert wurde, waren es insbesondere Rose Müller von der Leichtathletik-Gemeinschaft Neckar-Enz, Michael Bertet für die wassersporttreibenden Vereine und Jürgen Weller für die Handball-SG, die erläuterten, warum sich nun baulich was tun müsse. Dabei machten sie deutlich, dass es keineswegs nur um die Spitzenteams gehe, sondern vor allem um unzählige Kinder und Jugendliche, die mit zum Teil völlig unzureichenden Übungs- und Wettkampfmöglichkeiten konfrontiert würden und bei sieben Vereinen erst gar nicht mehr aufgenommen werden könnten.

Konkret geht es, nur kurz skizziert und wie in der Stadt ja schon hinreichend bekannt, zum einen um eine überdachte Stadiontribüne fürs Stadion Ellental und laut Rose Müller – die auch 08 Bissingen und Germania Bietigheim mit ins Boot nahm – um überaus nötige zusätzliche Umkleidetrakte beziehungsweise Funktionsräume und somit „nach 30 Jahren Diskussion“ um endlich richtige Wettkampfstrukturen. Zum anderen geht es um ein neues 50-Meter-Schwimmbecken mit Hubboden – am besten dreiteilbar wie etwa in Ingolstadt der Fall. Laut Michael Bertet sind die Trainingsmöglichkeiten für die vier Vereine mit zusammen über 2100 Mitgliedern völlig ausgelastet. Bei der Schwimmausbildung gebe es bereits Wartezeiten bis zu einem Jahr.

Von einer „sehr, sehr prekären Lage“ berichtete Jürgen Weller im Namen der ballsporttreibenden Vereine, bei denen allein die Handballjugend über 30 Teams stelle. Auch im Zusammenhang mit den beiden Erstliga-Teams und der nach dem Aufstieg noch problematischer werdenden „und langfristig nicht mehr lösbaren Hallen-Wechsel-Situation mit den Steelers“ warb das SG-Beiratsmitglied unmissverständlich für eine teilbare Halle mit einer Zuschauerkapazität bis zu 2500 Personen. „Eine solche vielseitig nutzbare Halle zerschlüge viele, viele Probleme, brächte allen einen riesengroßen Schub“, so sein Appell.

Diese drei wesentlichen „Hilferufe“ wurden aus den Reihen der 38 Tagungsteilnehmer aus 17 Vereinen noch mit weiteren Zielen wie zum Beispiel Sportplatz-Verbesserungen unterstrichen. Dabei wurde auch auf die monetären Möglichkeiten der Stadtwerke hingewiesen. Es gab aber auch Hinweise darauf, dass es im Zusammenhang mit gewünschten zusätzlichen „Kalthallen“ auch Vereine wie den Bietigheimer Hockey- und Tennisclub oder den FSV 08 Bissingen (im Ellental) gebe, die selbst aktiv werden wollten, was OB Jürgen Kessing begrüßte.

Er wies zunächst mal darauf hin, dass man angesichts der Rahmenbedingungen in Bietigheim-Bissingen im Vergleich zu ähnlich großen Kommunen von einem Luxusproblem rede und man natürlich hier was machen werde, „aber bitteschön, dabei mit beiden Beinen auf dem Boden bleiben!“, relativierte der Oberbürgermeister „das Wunschkonzert“, da man „nicht beliebig in die Tasche greifen kann“.

Kessing: Folgekosten beachten

Kessing betonte, dass die Sportler  künftig weitaus professioneller und flexibler bei der Sportstättennutzung sein müssten und er wollte den Bedarf auch nicht in Abrede stellen. „Für uns stellt sich nicht die Frage, ob wir was tun, sondern wann und wie. Und dabei werden wir umsichtig wie bisher vorgehen“, wies der Rathauschef ausdrücklich auch darauf hin, dass neben den Investitionskosten für Neubauten unbedingt auch die dauerhaften Folgekosten mit ins Kalkül gezogen werden müssten. Ebenso, dass neben dem Sport auch noch andere Felder wie Kultur zu berücksichtigen seien. Vor Jahren habe man sich bereits mit den reinen Investitionskosten beschäftigt und schon damals hätten etwa 15 Millionen Euro für eine Sporthalle und fünf bis sechs Millionen für eine Tribüne im Stadion im Raum gestanden, zu denen locker  ein satter zweistelliger Millionen-Betrag für ein Becken dazukäme.

Mit den Ergebnissen von Umfrage und Stadtverbandstagung beschäftigt sich nun auch der Gemeinderat, der, nach einem weiteren Runden Tisch mit dem Sportverband, dann gegen Jahresende angesichts des Drucks der Vereine die keinesfalls  beneidenswerte Aufgabe hat, Prioritäten zu setzen.

Benning: Die Belegzeiten sind ausgereizt

Auch wenn die Erkenntnisse keinesfalls bahnbrechend sind und die wesentlichen Problemfelder letztlich nur bestätigen, hat sich die Umfrage der Stadt unter 52 angeschriebenen Sportvereinen gelohnt. Jetzt weiß der Gemeinderat schwarz auf weiß, wie der Status quo bei den Klubs ist. Für Sport- und Kulturamtsleiter Stefan Benning, der die professionelle Analyse bei der Klausurtagung des Stadtverbands für Sport (SVS) erläuterte, gab es jedenfalls Dankesworte und Beifall.

Die Stadt hatte zwischen Februar und April 52 Vereine bezüglich Zahlen, Wünsche und Strukturen angeschrieben; von 42 Antworten waren 36 relevant.  Seit Jahrzehnten konstant bleibt es dabei, dass ein Drittel der Einwohnerschaft einem Sportverein angehört und sogar annähernd 80 Prozent aller Kinder und Jugendlichen, wie SVS-Chef Günter Krähling ergänzte. Bemerkenswert auch, dass ein Drittel der Sportvereinsmitglieder von außerhalb der Stadt kommt, 6,5 Prozent davon gar außerhalb des Landkreises. Der mit weitem Abstand größte Sportverein der Stadt ist der TSV Bietigheim mit 4394 Mitgliedern.

Die meisten Aktiven-Sportler haben die Fußballer, gefolgt von den Wassersportlern. Auch bei der Zahl der Mannschaften haben die Balltreter die Nase mit 50 Teams vorn; diesmal gefolgt vor den Handballern (36). Am meisten genutzt werden die 14 Sporthallen. Über 10 000 Mitglieder sind hier in Bewegung.„Faktisch liegt die Vollausnutzung hier bei 98 Prozent. Wir können nicht einem einzigen Wunsch nach mehr Sportflächen nachkommen, sind an der Grenze angelangt. Eine Optimierung ist nicht möglich, wir sind diesbezüglich ausgereizt“, schilderte Benning eine ähnliche Situation auch bei den drei Rasen- und sechs Kunstrasenfeldern in der Stadt.

„Topbeleger“ ist hier der FSV 08 Bissingen mit 2942 Stunden. Derart an Kapazitätsgründen angelangt, gibt es demnach bereits sieben Vereine, die einen Jugend-Aufnahmestopp anordneten. Immerhin sind nach den Worten Bennings aber „50 Prozent der Sportvereine eigentlich zufrieden – 50 Prozent freilich nicht“. Was den rechnerischen Bedarf/die Wünsche  anbelangt, bräuchte man einen Kunstrasen mehr, ebenso eine dreiteilbare Sporthalle sowie ein 50-Meter-Schwimmbecken. Insgesamt werden wesentlich mehr Trainingszeiten und -flächen beziehungsweise neue Sportstätten, die zum Teil auch bundesligatauglich sind,  gefordert. Die Schulen sind dabei noch gar nicht berücksichtigt worden.

Denkbar sind laut dem Vortrag, die Sportstätten besser (früher) zu nutzen, Anmietung von Sportstätten, Um- und Neubauten – aber auch bewusste Begrenzungen, woran  auch Jürgen Kessing  erinnerte. Möglich wären die Umwandlung des FSV-08-Rasenfeldes in einen Kunstrasenplatz, der Umzug des 08-Oberliga-Teams ins Ellental und der dortige Stadionausbau samt Tribüne und Funktionsräumen, Neubauten von Kalthallen (08 und BHTC) sowie der Ersatz des maroden Bissinger Hallenbades durch den Bau eines neuen Beckens in Bietigheim und eine Dreifachsporthalle. wch