Bietigheim-Bissingen Spiele und Generationenprojekt - Zwei Preise für Projekte zur Flüchtlingskrise

Zu sehen sind hier die Sonderpreisträger des Helene-Lange-Gymnasiums in Markgröningen.
Zu sehen sind hier die Sonderpreisträger des Helene-Lange-Gymnasiums in Markgröningen. © Foto: Martin Kalb
MARTIN TRÖSTER 20.04.2016
Die Flüchtlingskrise hat sich auch in den Siegerplätzen des Bietigheimer Schulpreises niedergeschlagen. Der Sonderpreis und ein zweiter Platz entfielen auf Projekte in Markgröningen und Bietigheim-Bissingen.

Eine der größten Krisen unserer Zeit hat auch Schüler im Landkreis aufgewühlt. Der Zustrom der Flüchtlinge aus den Bürgerkriegsgebieten des Mittleren und Nahen Ostens hat seinen praktischen Niederschlag in zwei Projekten gefunden, die am Dienstagnachmittag in der Sporthalle der Realschule im Aurain gewürdigt wurden: mit einem Sonderpreis für ein einfaches, aber effektives Nachhilfe- und Spieleprogramm und mit einem zweiten Preis für ein berührendes Mehr-Generationen-Projekt, aus dem ein Buch, ein Film und ein Verein entstanden sind.

Den Sonderpreis haben sich die Schüler des Helene-Lange-Gymnasiums in Markgröningen verdient: Sie haben geflüchteten Kindern und Jugendlichen nicht nur Hausaufgabenhilfe gegeben, sondern auch mit ihnen gespielt und damit deren Alltag abwechslungsreicher und fröhlicher gestaltet. "Die Kinder", sagte die 17-jährige Helene-Lange-Schülerin Miriam Maitra am Rande der Preisverleihung, "sind uns wirklich wichtig geworden". Am Anfang seien diese sehr schüchtern gewesen. "Heute rennen sie auf uns zu. Mittlerweile helfen auch die ,alten' Kinder den ,neuen' mit Übersetzen", sagte Maitra.

Den Impuls zur Aktion "Die kleinen Helfer" hat Konrektor Ralph Böhle gegeben. Die Idee entwickelte er aus einer Schülerabeit, in der eine Begegnung mit einem Mädchen aus Afghanistan geschildert wurde, die ihn sehr bewegt habe. Das war Ende 2014. "Schon zum ersten Treffen kamen 30, 40 Schüler", sagte Böhle nach der Preisverleihung. Derzeit folgen 80 Schüler seinem Impuls aus dem vorvergangenen Jahr.

Tiefe Spuren in Bietigheim-Bissingen hat das Schüler-Projekt "Flucht und Vertreibung" hinterlassen. Die Anregung zu dem folgenreichen Vorhaben kam von der Vorsitzenden des Vereins Aktive Senioren, von Renate Wendt. "Flucht und Vertreibung" war kein reines Schülerprojekt, es lebt vom Dialog mit jenen, die noch die letzte deutsche Flüchtlingskrise miterlebt haben, bei der Deutsche flüchten mussten - oder vertrieben wurden. Auf diese Unterscheidung legt Roland Hellmann großen Wert: Flucht setze immer eine Freiwilligkeit der Entscheidung voraus. "Wir sind ausgewiesen worden", sagte der Senior, der als Bub im Juli 1945 seine Heimat im Ostsudetenland verlassen musste. Er war der mit großem Abstand der älteste Sprecher, der sich am Dienstag über die schmale, geländerlose Holztreppe auf die Aurain-Bühne begeben hat. "Sehr offen, sehr konstruktiv" seien die Gespräche mit den Realschülern gewesen, sagte Hellmann. Auch wenn sie erschreckt gewesen seien, als sie hörten, was damals alles Schlimmes passiert ist. Felix Kron, Projektleiter und Geschichtslehrer an der Realschule, erinnert sich, dass die die Schüler die Erzählungen über Hunger, Kälte, aber auch über Vergewaltigungen so konkret nicht gekannt hätten. Die Gespräche mit den Senioren sind in einen Film und ein Buch gemündet (die BZ berichtete mehrfach).

Menschen, die Furchtbares erlebt und ihre Heimat verlassen haben - die Parallelen zur aktuellen Flüchtlingskrise liegen auf der Hand. Der ehemalige Aurain-Schüler Felix Fahrbach, mittlerweile Berufsschüler, hat aus den Geschehnissen der deutschen Nachkriegszeit ein erbauliches, mit gepfefferter Deutlichkeit vorgetragenes Fazit gezogen: "Es sollte sehr einfach möglich sein, die aktuelle Situation zu schaffen, ohne so rumzujammern, wie das derzeit oft passiert." Konsequenterweise waren Buch und Film nicht das Ende: Aus Veranstaltungen in der Realschule und im Enzpavillon mit Flüchtlingen des Bürgerkrieges im arabischen Raum ging schließlich 2015 der Bietigheim-Bissinger Verein "Suryoye und Deutsche" hervor, der sich auch um Flüchtlinge kümmert. Simon Üzel, der Vorsitzende des Vereins, mahnte die vornehmlich jungen Zuhörer zur Menschlichkeit und dazu, "ehrenamtlich viel zu tun, ohne sich zuviele negative Gedanken zu machen".