Bietigheim-Bissingen Silvesterlauf: 15.000 Zuschauer und 3209 Läufer beim 35. Lauf

MARTIN TRÖSTER 02.01.2016
Gute Stimmung herrscht beim 35. Bietigheimer Silvesterlauf, der durch die Altstadt führt. Knapp 15 000 Fans feuern um die 3200 Sportler an. Einige Läufer haben sich aufwändig verkleidet.

Mit einer Keule in der Hand läuft es sich gar nicht so übel, meint Stefan Spanoudakis aus Steinheim. Er ist beim Bietigheimer Silvesterlauf als Urviech unterwegs: mit Zottelperücke, Fellumhang und - einer Keule. "Der Knüppel motiviert, das ist der Urtrieb", sagt er im Zielbereich. Ungefähr 55 Minuten für die 11,1-Kilometer-Strecke hat er gebraucht. "Das ist gar nicht so schlecht, wenn man bedenkt, dass wir ständig die Hände der Zuschauer abgeklatscht haben", sagt Spanoudakis. Er ist mit zwei weiteren Urmenschen aus Steinheim unterwegs: mit Alexander Bürkle, der sich durch einen Knochen motiviert, und mit Timo Weber (Keule).

Auch Jens Steinbrück aus Freiberg hat sich etwas einfallen lassen: Er macht beim Laufen Werbung für eine Bietigheimer Limonadenfirma - verkleidet mit einem eng geschnittenen Kostüm mit hoher Mütze, die ihm beim Lauf dauernd ins Gesicht fällt. Es soll an ein Süßgetränk mit Zitrone drin erinnern. Die Cola hat er etwa bei Kilometer acht stehen lassen. "Die Cola wurde zu langsam", sagt der 44-Jährige trocken.

Nur wenige Läufer waren in Kostümen unterwegs - aber die, die sich verkleidet hatten, erhielten Sonderapplaus. Ob Ganzkörperkostüme bei der nassen Kälte eher hilfreich oder eher hinderlich sind, lässt sich nicht eindeutig klären. Das ist ohnehin zweitrangig. Schön einfach hat der Engländer Daniel Beech die Frage beantwortet, warum er im Pinguinkostüm mitgelaufen ist: "Warum nicht?" Joe Hunt, noch ein Engländer, ist mit dem Pinguin als Tiger angetreten.

Der Siedepunkt der Stimmung ist eindeutig am Marktplatz, wo Moderator Achim Seiter seine beachtlichen Rampensau-Qualitäten unter Beweis stellt. Wie ein prächtig gelauntes Rumpelstilzchen tigert, tänzelt, brüllt er am Streckenrand, feuert Zuschauer und Läufer gleichermaßen an - und klatscht die Hände der Läufer ab. Auch die Urmenschenhände der drei Steinzeitläufer aus Steinheim. Als sie bei ihm vorbeikommen, pfeifen sie aufs Laufen, klatschen mit ihm ab und umarmen ihn. Von weitem sieht es so aus, als würden sie ihn auffressen.

Bis zum Marktplatz dröhnen die Trommeln am Unteren Tor. Dort hämmert das "Drummerteam" aus Bietigheim aufs Fell. Diese Freizeitschlagzeuger sorgen auch bei den Spielen der Handballer der SG BBM für Stimmung. Am Unteren Tor, wo die Strecke enger wird, ist ihr Getrommel besonders wirkungsvoll: An diesem Engpass helfen ihre Schläge, die Stimmung weiter zu verdichten. Sie prügeln die Läufer voran. Beim Silvesterlauf, sagt ein Jungtrommler Anfang 20, spielen sie schnellere Rhythmen als bei einem Handball-Spiel - weil es nicht in erster Linie darum geht, die Zuschauer zum Klatschen zu bringen, sondern die Läufer zum Laufen.

Der Bietigheimer Jan Wildermuth vom Drummerteam sagt: "Das Coole ist, dass die Läufer aus ihrem Laufrhythmus kommen, wenn sie am Unteren Tor vorbeikommen." Bis sie wieder um die Ecke biegen, hätten sie den Rhythmus der Trommler verinnerlicht. "Das puscht die, das puscht uns", sagt er. Wenige Meter entfernt sieht er die Läufer wieder in ihren alten Rhythmus verfallen.

Die Trommelschläge peitschen auch Ines Higgins an: "Beim Unteren Tor konnte ich fast nicht mehr", sagt die 29-Jährige. Sie hat den Silvesterlauf zwar als eine der Letzten beendet, das spielt aber keine Rolle: Sie ist fast blind. Und sie hat durchgehalten. Ihr Onkel, der sie durch die Strecke geführt hat, habe ihr gesagt: "Aufgeben tun wir nicht." Nicht nur ihr Onkel und die Trommler, sondern auch der Jubel ihrer Familie und die Rufe der Bietigheimer, "hier, wo einen so viele kennen", haben sie angetrieben, sagt Ines Higgins erschöpft, aber glücklich. Sie stammt aus Bietigheim-Bissingen und lebt mittlerweile mit ihrem Mann Gavin in England.

Erschöpft und auch nicht eben unglücklich huscht nach nicht mal 50 Minuten Bietigheim-Bissingens Bürgermeister Joachim Kölz ans Ziel. Mehr als fünf Minuten vor den Steinzeitmenschen aus Steinheim. Zurecht zeigt sich der 52-jährige Bürgermeister zufrieden: "Wenn man bedenkt, dass ich noch etwas Rückenprobleme habe. . .". Nicht zuletzt angesichts seines Alters könne er sehr gut mit der Zeit leben, meint der Verwaltungsfachmann schmunzelnd. Auch er bestätigt: Die Stimmung am Streckenrand habe ihn nach vorne gepeitscht.

Noch viel älter als Bürgermeister Kölz ist Gerhard Sobierey. Der Ludwigsburger Laufveteran ist 77 Jahre alt - und nach knapp 70 Minuten ins Ziel gekommen.

Unter den Zuschauern, die die Läufer nach vorne peitschen, sind auch Ursula Genswürger aus Ludwigsburg und Birgit Klett aus Freiberg. Am Bürgergarten feuern sie ihre Männer an. Auch als Anfeuernde genießt Birgit Klett den Lauf: "Für dieses Wetter war die Stimmung schön."

Conny Ott, der Mann von Ursula Genswürger, betont nach dem Lauf, er habe die Unterstützung der Damen trotz der vielen Zuschauer - die Organisatoren gehen von ungefähr 15.000 aus - sehr wohl wahrgenommen. "Ich habe sie zweimal gehört, bei jeder Runde. Das hat gewirkt, bis es wieder den Buckel hochging." Vor allem am Bürgergarten sei die Unterstützung entscheidend gewesen: Denn danach sei ein Streckenabschnitt gekommen, an dem erst mal kaum mehr einer gestanden hat, um die Läufer anzufeuern.

Für eine besondere Stimmung sorgen auch einige Männer in Schwarz: Schornsteinfeger in Gardekluft verteilen alte Glückspfennige. Auch daran ist zu erkennen, dass der Bietigheimer Silvesterlauf kein normales Sportereignis ist.

Info Mehr Berichte zum Bietigheimer Silvesterlauf sowie eine detaillierte, sechsseitige Ergebnisliste finden Sie im Sportteil dieser Zeitung auf Seite 23 sowie auf den Seiten 33 bis 38.