Blinde wollen Kunstwerke nicht erklärt bekommen, sie wollen sich nicht von den Sehenden erklären lassen, was sie mit ihrem inneren Auge sehen sollen“, sagt Isabell Schenk-Weininger, die Leiterin der Städtischen Galerie Bietigheim-Bissingen. Sie hat schon des öfteren Führungen durch Kunstausstellungen für Blinde durchgeführt. „Allerdings eher in skulpturalen Ausstellungen oder mit dreidimensionalen Objekten“, sagt sie. Auch eine Führung durch die Kunstwerke im öffentlichen Raum hat sie mit einer Gruppe blinder Menschen gemacht. „Da ist es schwierig, wenn die Kunstwerke, wie der Turm der Grauen Pferde oder das Ku(h)riosum größer sind als ein Mensch umfassen kann.“ Blinde, so Schenk-Weininger, könnten sich nicht durch Ertasten eines Teils einer Skulptur automatisch den weiteren Teil dazu denken.

Allerdings, so räumt sie ein, habe sie während ihrer Assistenzzeit, als sie selbst einer Blindenführung beiwohnte, eine bedeutsame Beobachtung gemacht: „Der Führer erklärte den Teilnehmern, was auf einem Kreuz zu sehen war, beschrieb die Figur Jesus am Kreuz, da sagte eine blinde Frau neben mir, dass sie zum ersten Mal erfahren hat, dass das Gesicht Christi den Menschen und nicht dem Kreuz zugewandt sei, was sie bisher gedacht habe“, so die Kunsthistorikerin.

Wichtig sei ihr aber auch, dass Kunst eine „Schule des Sehens“ sein könne. An dem Linolschnitt „Böhmisches Interieur“ von Robert Förch aus Künzelsau aus der aktuellen Ausstellung „Bekenntnis zum Gegenstand – Linolschnitte von Karl Rössing und seinen Schülern Robert Förch und Malte Sartorius“ im zweiten Stock des Altbaus demonstriert Schenk-Weininger die Kunst des Sehens. „Genau hinzusehen kann dem Betrachter in vielerlei Hinsicht einen Mehrwert bescheren“, so die Galerieleiterin. Gerade in Abzügen von Linoldrucken finde man eine Vielschichtigkeit vor, die genaues Hinschauen zutage bringe. „Auf Robert Förchs Bildern kann man oft mehr als zehn Farben ausmachen, die aber auf den ersten Blick nicht zu sehen sind“, sagt sie.

Bemerkenswerte Farben

Im Bild „Böhmisches Interieur“ von Robert Förch sei es bemerkenswert, wie die Farben verwendet wurden. Ein helles Blau liegt unter allen anderen Farben, kommt immer wieder als Bild an der Wand oder in der Anzugjacke zutage. Alle Farben wie grün oder braun werden immer wieder aufgegriffen.

„Kunst intensiviert den Blick“, sagt Schenk-Weininger. Bei abstrakten Kunstwerken seien es vor allem die Formen, die inspirierten. „Man bekommt durch diese Formen oft einen ganz neuen Blick auf alltägliche Strukturen, findet diese, wo man sie noch nie gesehen hat“, sagt sie. Bei Linolschnitte sei auch interessant, genau zu schauen, welche und wie viele Platten der Künstler verwendet hat. „Genaues Sehen schärft alle Sinne“, sagt Isabell Schenk-Weininger. Sehen sei oft auch intuitiv, gehe über das Visuelle hinaus. „Bei manchen Bildern überkommt uns ein beruhigendes, wohliges Gefühl, andere machen uns nervös“, so die Expertin.

Blinde, so Schenk-Weininger, würden anders „sehen“, mehr haptisch, mit viel Fantasie. In einer ihrer Führungen sei eine Frau gewesen, die nicht von Geburt an blind sei. Sie könne sich daran erinnern, dass in ihrer Kindheit ihre Lieblingsfarbe blau gewesen sei. „Deshalb umgibt sie sich mit blauen Dingen, zieht blaue Kleidung an, obwohl sie die Farben nicht sehen kann, sie sagte mir, sie fühle sich dann wohler, weil sie eine Vorstellung von Blau habe“, erzählt Isabell Schenk-Weininger.

Die Woche des Sehens in Bietigheim-Bissingen


Am heutigen Donnerstag ist der Welttag des Sehens, der in die Woche des Sehens eingebettet ist. Ziel der bundesweiten Aufklärungskampagne ist es, auf die Bedeutung eines guten Sehvermögens, die Ursachen vermeidbarer Blindheit und auch auf die Situation blinder und sehbehinderter Menschen aufmerksam zu machen.

In der Städtischen Galerie Bietigheim-Bissingen sind die hier besprochenen Werke der Ausstellung „Bekenntnis zum Gegenstand – Linolschnitte von Karl Rössing und seinen Schülern Robert Förch und Malte Sartorius“ noch bis 16. Februar zu sehen. Ab Samstag, 12. Oktober, ist die Ausstellung im Altbau der Galerie erweitert. 25 Drucke der drei Künstler kommen im zweiten Stock aus der städtischen Sammlung hinzu.

Künstlergespräche mit Robert Förch gibt es in der Galerie am Sonntag, 3. November, 11.30 Uhr, und am Sonntag, 26. Januar, 16.30 Uhr. Eine After-Work-Kurzführung mit Aperitif findet am Dienstag, 22. Oktober, 16.30 Uhr, in der Ausstellung im Altbau statt. sz