Annette Schavan unterbricht für das Gespräch mit der BZ eine „endlose Telefonkonferenz“, danach muss sie „den letzten Feinschliff für einen Vortrag machen“, bevor sie nach Graz fliegt, um diesen zu halten. Von dort geht es für die einstige baden-württembergische Kultusministerin, Bundes-Forschungsministerin, CDU-Politikerin, Deutschlands Botschafterin am Heiligen Stuhl in Rom, direkt nach Frankfurt. Dort spricht sie zum 60-jährigen Bestehen der hessischen katholischen Erwachsenenbildung. Annette Schavan ist es nicht langweilig. Trotzdem nimmt sie sich Zeit, um mit der Zeitung in ihrem ehemaligen Wohnort Bietigheim-Bissingen zu sprechen.

„In Bietigheim, wo ich von 2001 bis 2005 lebte, hatte ich eine sehr glückliche Zeit. Überhaupt würde ich im Nachklapp sagen, die Zeit von 1995 bis 2005 als Kultusministerin in Baden-Württemberg war meine schönste, denn das Ressort ist einfach das schönste von allen“, sagt Schavan. Bietigheims Ex-Oberbürgermeister Manfred List hatte die CDU-Politikerin als seine Nachfolgerin als Landtagsabgeordnete in den Wahlkreis geholt. „Bietigheim ist eine dieser kleineren Städte, die sehr schön sind und einen sehr hohen Wohlfühlcharakter und Lebensqualität haben“, erinnert sie sich. 2013 trat die damalige Bundesforschungsministerin wegen der Aberkennung ihres Doktortitels von allen politischen Ämtern zurück und war ab 2014 auch nicht mehr Mitglied des Bundestags.

53,7 Prozent

Mit 53,7 Prozent aller Erststimmen war sie von ihrem Wahlkreis Ulm in den Bundestag gewählt worden. „Das müssen sie sich mal auf der Zunge zergehen lassen, davon träumt man heute“, sagt Schavan. Trotzdem wog der Plagiatsvorwurf schwer: „Ich wusste damals schon, diese Situation ist nicht zu gewinnen, also bin ich zurückgetreten. Mein Lebensmotto ist, alles hat seine Zeit, meine Zeit als Ministerin war vorbei, etwas Neues konnte beginnen“.

Dann kam das Angebot, 2014 als deutsche Botschafterin in den Vatikan, an den Heiligen Stuhl, zu gehen. „Erst hatte ich Skrupel, aber dann erkannte ich, das ist ein Glücksfall, große internationale Diplomatie ausüben zu können, bei einer Weltkirche.“ Vier Jahre weilte sie am Heiligen Stuhl, „dann war es genug“.

„Jetzt sind meine alten Themen wieder dran, ich mache das, was ich kann“: Sie hält überall auf der Welt Vorträge. Über Innovation, Bildung, Forschung, Theologie und über die Verbindung dieser Themen. „Meine Vorträge handeln davon, was wir für Vorstellungen von Wohlstand und Wachstum haben und wie das mit unserer Wertevorstellung zusammen geht“, sagt Annette Schavan, die seit 15 Jahren Ulm als ihre Heimat auserkoren hat – „eine lebenswerte Stadt, kleinstädtisch, aber mit hoher Lebensqualität“.

Engagement in China

Neben ihren Vorträgen engagiert sich Schavan vor allem im deutsch-chinesischen Forum, das die Bundesregierung initiierte. „Gerade jetzt, wo viele Europäer Angst vor der zunehmenden Macht Chinas haben und unser Verhältnis in der Krise steckt, ist es wichtig, in den Dialog zu treten, gemeinsame Projekte anzuschieben“, sagt sie. Seit 2004 hat sie eine Gastprofessur an der Universität Shanghai. Es sei ihr wichtig, dass sie in diesem Forum „mitgestalten und konstruieren kann“. An dieser Phase ihres Lebens gefällt ihr „dass ich selbst bestimmen kann, was ich mache. Ich muss nichts mehr tun, ich kann und zwar das, was mich interessiert, was ich gerne mache, das ist ein schönes Gefühl“. Und wenn auch diese Zeit vorbei ist, sagt sie, komme eine neue Zeit, vielleicht die, „in der ich mehr lese, mehr Kunst betrachte, mehr zum Zuschauer und Beobachter werde und vielleicht nochmal ein Buch schreibe“.

Info Was wurde aus...? Dies fragen wir in unserer heutigen Samstagsausgabe auf den nächsten Seiten. Was wurde aus Annette Schavan, was wurde aus aus der Besigheimer Ölmühle (Seite 15), aus dem früheren Sachsenheimer Bürgermeister Andreas Stein (13), Harald Leibrecht (16) oder aus dem Eishockey-Spieler Dirk Wrobel (23)?

Überschrift Infokasten einzeilig


Anlauf steht hier Text für einen dreispaltigen Infokasten. bz