Nicht erst durch die Diskussion ums Bissinger Hallenbad, werden in Bissingen Stimmen laut, der Stadtteil werde stiefmütterlich behandelt. „Die Doppelstadt-Hälfte Bissingen wird systematisch ausgeweidet und jeglicher Infrastruktur beraubt“, schrieb Friederike Hoerst-Röhl jüngst in einem Leserbrief. Seit dem Zusammenschluss der Stadt Bietigheim und der Gemeinde Bissingen 1975 gibt es immer wieder Klagen vonseiten der Bissinger. Die BZ hat bei einigen ortsansässigen Stadträten nachgefragt.

Dr. Wassilios Amanatidis, Freie Wähler, lebt seit 45 Jahren in Bissingen. „Es ist ein sehr schöner Ort und wir fühlen uns wohl hier.“ Im Stadtteil gebe es alles, was die Bissinger brauchen. „Nur keine Elbphilharmonie“, scherzt der Stadtrat. Zur Hallenbad-Diskussion findet er klare Worte: „Einige Bürger haben daraus ein Problem gemacht.“ Er selbst vertraue auf das Gutachten. „Es lohnt sich nicht, das Hallenbad zu renovieren. Jetzt müssen wir sehen, dass etwas Gutes bei heraus kommt und sich die Investition lohnt“, sagt er zum geplanten Neubau im Fischerpfad.

Nicole Frölich, Mitglied des Bündnisses für Mitwirkung und Demokratie (BMD), ist seit der diesjährigen Kommunalwahl Stadträtin. „Für mich ist Bissingen ein liebenswerter Stadtteil, in dem es sich lohnt zu wohnen“, sagt die Bissingerin. „Nichtsdestotrotz müssen wir die künftige Entwicklung im Auge behalten.“ Sie spricht dabei die Wiedereröffnung des Bürgeramts im Rathaus an, die für nächstes Jahr geplant sei. Sowohl die BMD, als auch die SPD nennen die Optik des Rathauses verbesserungswürdig. Hier laufen die Planungen zu einer Komplettsanierung.

„Ich kann durchaus verstehen und unterstützen, dass sich die Bissinger das Hallenbad auch weiterhin in Bissingen wünschen“, sagt Frölich zwar, allerdings ergänzt sie, dass die Welt bei einem Abriss auch nicht zusammenbreche. „In diesem Fall plädiere ich jedoch für eine adäquate Kompensation, beispielsweise in Form kostenfreier Busse zum Sportpark, oder ein vergünstigtes Bissinger Ticket.“

Thomas Reusch-Frey, SPD: „Bissingen ist für mich ein attraktiver Stadtteil mit hoher Lebensqualität – Punkt.“ Dass Bissingen abgehängt sei, könne niemand behaupten. „Die Schillerschule hat erst einen tollen und top ausgestatteten Anbau bekommen.“ Die Waldschule folge. Die Kindergärten seien gut in Schuss. Auch eine neue Kindertagesstätte in der Gerokstraße ist geplant. „An der Enz wird ein innovativer Spielplatz entstehen, der die Geschichte der Flößerei in Bissingen für Kinder zu einem Erlebnis macht.“ Für die älteren und pflegebedürftigen Menschen sei mit dem Haus am Enzpark eine wohnortnahe Möglichkeit geschaffen worden, nennt er nur einige Beispiele. „Für den alltäglichen Bedarf ist die Grundversorgung gesichert. Es gibt praktisch keine Leerstände.“

Wenn das Hallenbad von Bissingen an den geplanten Standort verlegt wird, dann sei es auch künftig nicht aus der Welt. Ein Vorteil an dieser Lösung ist für Reusch-Frey, dass es einen nahtlosen Übergang gibt und es nicht zwei oder gar drei Jahre keinen Ersatz für die Schüler, wie auch für alle Schwimmbegeisterten gebe.

Karin Wittig, CDU: „Ich wohne seit 24 Jahren in Bissingen und bin überzeugte Bietigheim-Bissingerin.“ Bei der Hallenbad-Abstimmung damals habe sie sich ganz bewusst für einen Neubau des Hallenbades im Ellental entschieden, doch nicht gegen Bissingen, stellt sie klar. „Auch heute stehe ich voll und ganz hinter dieser Entscheidung, für die es in meinen Augen gute Gründe gibt.“ Es sprenge den Rahmen, alles aufzuzählen. Wittig verweist auf die Keltersitzung am 10. Dezember, 18 Uhr, sowie auf die Bürgerinformation am 16. Dezember.

Ute Epple, FW: „Ich bin in Bissingen aufgewachsen, wohne dort und empfinde es keineswegs so, dass dieser Stadtteil abgehängt wird.“ Dass der historische Stadtkern von Bietigheim vielleicht eher als schön wahrgenommen werde, könne sein, aber der Ortskern von Bissingen habe auch seinen Reiz. „Da ist die schöne und sehenswerte Kilianskirche, und es gibt Geschäfte in einer durchaus respektablen Anzahl sowie einen Wochenmarkt.“ Die Nahversorgung der Bevölkerung sei gesichert, so Ute Epple.

Im Falle des Rathauses – der „Blaue Bock“, der inzwischen unter Denkmalschutz – ­sei es durchaus auch der Wunsch der Freien Wähler, das Bürgeramt wieder verlässlich zu öffnen. „Das Hallenbad in Bissingen ist definitiv nicht mehr zu renovieren. Die Technik ist veraltet. Es ist sinnvoll, ein neues Bad, in einer für die Energienutzung günstigen Nähe zu Eishalle und Freibad zu errichten“, meint sie. „Die Entfernung dorthin halte ich für zumutbar.“

Werner Kiemle, SPD: „Aufgewachsen bin ich in Untermberg und in Bissingen und Bietigheim zur Schule gegangen. Ich arbeite im Stadtteil Bietigheim und lebe im Stadtteil Bissingen. Ich fühle mich als Bürger von Bietigheim-Bissingen.“ Bei der Hallenbad-Diskussion sei es gut, sich mit den Fakten auseinanderzusetzen. Dies habe der Gemeinderat getan: „Eine dringende Sanierung oder ein Neubau auf bestehender Fläche würden eine Schließung von zwei Jahren bedeuten“, erklärt der Stadtrat. In dieser Zeit wäre kein Schwimmunterricht, kein Vereinsschwimmen und kein öffentlicher Badebetrieb in Bissingen möglich, und das Bad am Viadukt könne den Wegfall nicht kompensieren.

„Wer in der Nähe des Bades wohnt, wird vielleicht die fußläufige Entfernung vermissen.“ Für Bewohner der Parzelle oder des Bissinger Westendes oder gar Untermberg sei es aber relativ egal, ob sie in die Bahnhofstraße oder noch weiter in den Fischerpfad fahren, so Kiemle. „Ich bin überzeugt, dass die Entscheidung, den Neubau des Hallenbades in den Fischerpfad zu legen richtig ist.“ Vielleicht trage der Neubau auch dazu bei, dass die Stadtteile nicht nur räumlich, sondern nach mehr als 40 Jahren auch in den Köpfen weiter zusammenwachsen.

Allerdings gebe es Handlungsbedarf in anderen Bereichen. „Der ewige Bauzaun am Rathaus ist nur ein Beispiel.“ Dieser Meinung ist auch sein SPD-Kollege Reusch-Frey. Die SPD-Fraktion hatte 2014 einen Antrag für einen Ortsentwicklungsplan für Bissingen gestellt. In diesem Zusammenhang hat der Gemeinderat im April 2019 eine Machbarkeitsstudie „Sanierung und Umbau des Rathauses Bissingen“ in Auftrag gegeben. Dabei sollen auch die Außenanlagen an der Nordseite angegangen und verbessert werden (die BZ berichtete). Kiemles Fazit: „Auch wenn das eine oder andere verbessert werden sollte, sehe ich Bissingen nicht abgehängt.“ Es gebe, neben den Einkaufsmöglichkeiten, gute Schulen und Kindertageseinrichtungen, ein attraktives Vereinsangebot und eine schöne Lage. „Genug Gründe, um auch ein wenig zufrieden zu sein.“

Info Die Stadtverwaltung wird am Montag, 16. Dezember, 18 Uhr, im Musikvereinsheim Bissingen, Ernst-Silcher-Platz, darüber informieren, warum sich Gemeinderat, Stadtverwaltung und Stadtwerke für einen Neubau entschieden haben.

Eine Petition zum Erhalt des Hallenbads


Eine Online-Petition zum Erhalt des Bissinger Hallenbads hat bei Redaktionsschluss mehr als 1100 Unterstützer, fast 960 davon aus Bietigheim-Bissingen. „Die Wohnqualität von Bissingen wird sich mit der Schließung verschlechtern“, kommentiert ein Unterstützer. „Bissingen verliert. Warum spielt Bissingen meist die zweite Geige nach Bietigheim?“, fragt ein anderer.

„Die Stadt ist überzeugt dass alle Stadtteile gleichwertig behandelt werden“, sagt Stadtsprecherin Anette Hochmuth. Die meisten Menschen finden ihr Wohnumfeld sehr angenehm, ergänzt sie. „Auch in Bissingen zeigen viele Stimmen dass der Stadtteil sehr geschätzt wird.“ rwe