Elf Schülerinnen der Realschule Bissingen zwischen 14 und 17 Jahren duften auf ganz besondere Weise ins Rampenlicht treten: als Autorinnen ihrer eigenen Kurzgeschichten. Bei einer Lesung am Donnerstagabend stellten sie die Ergebnisse eines fast einjährigen Schreibprozesses  Eltern, Mitschülern und Öffentlichkeit vor. Die Texte stehen auf der Internetseite der Schule und erschienen leicht gekürzt auch in Buchform, die Publikation wurde gleich nach dem letzten Applaus des Lesungsabends zum Verkaufsschlager und oft von allen elf Autorinnen signiert.

Texte in Buch veröffentlicht

Die Kurzgeschichten entstanden mithilfe des Stuttgarter Schriftstellers Olaf Nägele im Rahmen des Projekts „Kultur macht stark: Bündnisse für Bildung“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung und des Programms „Wörterwelten. Autorenpatenschaften“ des Bundesverbands des Friedrich-Bödecker-Kreises. Das Projekt ist keine Selbstverständlichkeit, in Baden-Württemberg ist es eines von Zweien seiner Art und soll nach Wunsch der Organisatoren Vorbildfunktion haben.

Schreibdozent Nägele kennt die Bissinger Realschule gut, seit zehn Jahren ist er dort bereits beim Projekt „Deutsch geht gut“ aktiv. Im ausgeweiteten Projekt lud Nägele Gastdozenten ein, die den Schülerinnen verschiedene Aspekte des Geschichten-Erzählens näherbringen sollten, etwa den Fotografen Yves Noir, der über Perspektiven sprach, die Fantasy-Autorin Nina Blazon und den Theaterregisseur Jürgen von Bülow. Auch Ausflüge in die Otto-Rombach-Bibliothek, zum Kosmos-Verlag und ins Lindenmuseum standen auf dem Programm.

Die Arbeit der Schüler an ihrem einzigen freien Nachmittag in der Woche verdiene sehr viel Respekt, findet Nägele. Diese decken nun unter dem Titel „Geschichten, die in mir wohnen.“ ein weites Feld, vom Fantastischen bis zum Persönlichen, ab. So schreibt die 15-jährige Kim Wendland in „Raus aus Jelly Wood“, über einen Elfen der aus seiner Heimat ausbrechen möchte, in der das ganze Leben nichts als ein heiteres Musical ist, während die 17-jährige Nour Lahdo ihre Gefühle bei der Flucht aus ihrer bürgerkriegsgeplagten Heimat Syrien beschreibt.

„Verbrechen nach Rezept?“ von Jessica Godfrey ist hingegen eine komplexe Kriminalgeschichte, in der eine Polizistin nicht nur Verschwörern auf die Spur kommen muss, sondern nachdem sie ihr Gedächtnis verloren hat, auch herausfinden muss, ob sie nicht selbst eine Mörderin ist. Sich selbst zu suchen ist überhaupt ein wiederkehrendes Thema der Jugendlichen, egal ob die Hauptpersonen der Geschichten zum ersten Mal ihre Eltern kennenlernen, wie in Sade Salius „Traum“, oder sich in Ronja Kretzers „Gegen die Natur?“ trauen über ihre Sexualität zu sprechen. Besonders in Erinnerung bleibt auch Adele Hirschfelds Kurzgeschichte „Ich und meine Identität“, in der sie sich in eine Internet-Mobberin hineinversetzt, die sich selbst mit den Worten beschreibt: „Ich bin Page Klee und der gemeinste Mensch, den ich je kennenlernen durfte.“ Page Klee ist sich durchaus bewusst, dass sie auf unmoralische Weise nach Selbstbestätigung sucht, doch das macht sie als literarische Gestalt nur umso faszinierender.

Viele Sätze bleiben in Erinnerung: Wenn Chiara Lipscomb schreibt: „Ich bevorzuge es, alleine nach Hause zu laufen. Wenn man den Weg mit anderen Leuten geht, zieht er sich meist sehr lange und das kann ich bei dem warmen Wetter momentan wirklich nicht gebrauchen“, wird der innere Zustand ihrer Heldin ganz beiläufig offengelegt. Warum sich in Viktoria Vogts Geschichte „Welten“, die Heldin nach einer anderen Welt sehnt, wird auch auf ihrem täglichen Weg klar: „Straßen, überfüllt von Menschen mit leeren Gesichtern und die stickige Luft und der Straßenlärm, die einen niederdrückten wie ein Boxer im Ring.“ Dass die Schülerinnen schreiben können, merkt man. Und dass sie auch Freude daran haben, häufig sogar noch mehr.