Es ist Freitag, 15 Uhr. Elf Schüler und Schülerinnen der Klasse 12 des Beruflichen Gymnasiums haben noch keine Lust aufs Wochenende. Sie hängen seit diesem Schuljahr jeden Freitagnachmittag drei Stunden extra an den regulären Unterricht dran. Dann beschäftigen sie sich mit Fragen zur Rüstungsindustrie und Rüstungsexporten. Die 17- und 18-Jährigen machen das freiwillig. Jedenfalls fast. Sie haben sich entschieden, an einem regelmäßigen Seminarkurs teilzunehmen, der die mündliche Abiturprüfung ersetzt.

Wer sich für diese Prüfungs-Alternative interessierte, bei der bereits Grundlagen des wissenschaftlichen Arbeitens vermittelt werden, das später an der Uni wichtig ist, konnte zwischen verschiedenen Themen wählen. Der Kurs von Schulleiter Stefan Ranzinger hat nach Schülerinteresse schließlich den Zuschlag bekommen. Als vorbereitende Lektüre hatten die Schüler Teile des 623-seitigen Buchs von Rüstungs-Gegner Jürgen Grässlin gelesen. Ranzinger meint: „Wir wollen nicht nur mit Sekundärliteratur arbeiten.“ Deshalb haben sich die Schüler mehrere Gesprächspartner eingeladen, mit denen sie das Thema diskutieren und aus verschiedenen Perspektiven beleuchten können. „Für die Schüler wird es so greifbarer und konkreter,“ findet Ranzinger. Zum Auftakt dieser Reihe folgte der SPD-Bundestagsabgeordnete Rainer Arnold der Einladung und stellte sich gestern Nachmittag den Fragen der Schüler. Seit 1998 sitzt der 66-Jährige im Bundestag. Dass er inzwischen zum Verteidigungsausschuss gehört und für Sicherheitspolitik zuständig ist, hat nach eigenen Aussagen weniger mit persönlichen Neigungen zu tun, die müssten vielmehr hinten anstehen: „Es gibt keinen roten Teppich.“ Die Schüler des Beruflichen Schulzentrums hatten sich in den zurückliegenden Wochen intensiv auf die Begegnung vorbereitet. So sprachen sie Arnold auf dessen Truppenbesuch im türkischen Incirlik an oder hakten kritisch nach: Wie könne garantiert werden, dass beim Einsatz von Tornados – die Arnold befürwortet – keine Zivilisten getötet würden? Arnold antwortete, dass das nicht garantiert werden könne, verwies aber darauf, dass der Verlust von Menschenleben in Kauf genommen werden dürfe, um ein höheres militärisches Ziel zu erreichen – wenn es verhältnismäßig sei. Mit Blick auf die Bundestagswahl meinte Arnold, müsse die Linke in puncto Rüstungspolitik einen 180-Grad-Schwenk vollziehen, um ein möglicher Koalitionspartner werden zu können.

Beide Positionen sehen

Ranzinger sah nach der Diskussionsrunde mit Arnold ein Zwischenziel erreicht: Die Schüler hätten sich bislang mit der Position des Rüstungsgegners Grässlin beschäftigt und hätten nun die Sichtweise des Befürworters Arnold, der sich zu „einer leistungsfähigen Rüstungswirtschaft“ bekannte, kennengelernt. Sie könnten sich also nun mit Argumenten verschiedener Positionen auseinandersetzen.

Weitere Sichtweisen werden in den kommenden Wochen und Monaten hinzukommen. Auf dem Plan stehen  weitere Treffen, darunter mit Harald Hell­­st­ern, dem Sprecher der Rüstungsexportkommission von pax christi, einer katholischen Friedensbewegung. Nächstes Jahr wird Jürgen Grässlin in der Reihe „Schule trifft Wirtschaft“ im Beruflichen Schulzentrum auftreten, zuvor nehmen die Schüler des Seminarkurses an der Verleihung des Stuttgarter Friedenspreises an Grässlin teil. Im Januar gibt es eine Werksbesichtigung beim Rüstungsunternehmen KMW in München.

Die Schüler müssen als Leistungsnachweis am Ende eine Präsentation halten und eine Hausarbeit verfassen. Das Thema wird sich in den nächsten Wochen ergeben. Möglicherweise befasst sich der eine oder andere mit moralisch-ethischen Aspekten, die bei diesem Oberthema auch eine Rolle spielen.

Die These „Wenn Deutschland keine Waffen mehr verkaufen würde, würden die Geschäfte andere machen“ befand ein Schüler für zutreffend, es sei aber „eine Frage des Gewissens“, ob man die Schuld daran tragen möchte, dass andere Menschen dadurch umkommen könnte.