Bietigheim-Bissingen / Bettina Nowakowski  Uhr

Franz Schuberts Liederzyklus „Die schöne Müllerin“, deutsches Kulturgut und klassisches Kunstlied-Repertoire, auf Englisch? Von einer österreichischen Band mit amerikanischem Sänger, statt Klavierbegleitung mit Gitarre, Schlagzeug, Cello und Tuba? Geht das und: Darf man das? Man darf!

Das bewies am Freitagabend par excellence die Band The Erlkings in der ausverkauften Kelter in Bietigheim im Rahmen der Ludwigsburger Schlossfestspiele. Frisch, unkonventionell und mit viel Spielfreude interpretierten The Erlkings Schuberts Lieder über die unglückliche Liebe des Müllergesellen zur schönen Müllerstochter und seinen tragischen Tod in ihrem ganz eigenen „Schubadour“-Stil, wie der US-amerikanische Sänger Bryan Benner es selbst einmal nannte. Die Texte sind nicht immer eins zu eins übersetzt, erhalten aber stets den Sinn des Originals. Die Instrumentierung sorgte für einen dynamischen, teils überraschenden Sound und bewegte sich zwischen allen Genres. Von klassischen Tönen zu Rock und Pop mit irischen Elementen und Anklängen von Folk und Reggae.

Trockener Humor

Der aus Florida stammende Bariton Bryan Benner mit klassischer Gitarrenausbildung verstand es bestens, dem Publikum Franzls Geschichte der unglücklichen Liebe auf ganz eigene Art und Weise mit trockenem Humor nahezubringen. Eine Art Bänkelsänger und Geschichtenerzähler im besten Sinne des Wortes, dessen ausdrucksvolle Stimme immer wieder gefangen nahm. Kongenial die Besetzung mit Ivan Turkalj am Cello, Simon Teurezbacher an der Tuba und Thomas Toppler am Schlagzeug, der teilweise mit seiner minimalistischen Mimik ein Monty-Python-Gefühl aufkommen ließ.

The Erlkings ist die erste und einzige Band, die bis jetzt dieses Cross-over von klassischem Kunstlied in eine moderne, zeitgemäße Form gewagt hat. Und der dabei das Kunststück gelang, Schuberts Liederzyklus einen originellen, aber respektvollen neuen Sound zu geben, ohne, dass dabei etwas von dem Zauber des Originals verloren geht.

Das Publikum lauschte nicht nur gebannt, sondern unterhielt sich auch bestens. „Das ist wirklich genial gemacht“, sagte eine Zuschauerin, „von hoher Qualität, mit viel Humor und Witz.“ Und ein Besucher ergänzte: „Man bekommt einen ganz neuen Zugang zu Schubert, ja, mitunter möchte man sogar dazu mittanzen.“ Getanzt hat niemand, aber immer wieder wurde begeistert applaudiert. Ein Höhepunkt war das letzte Lied des Abends, „Des Baches Wiegelied“, das Bryan Benner gefühlvoll und berührend interpretierte.

„So viel Menschen kann man nicht in Trauer gehen lassen“, waren seine Worte danach ans Publikum und so folgten vier Zugaben, unter anderem die englische Version von Schuberts „Die Forelle“ mit einer Jodelvariante, bei der die Zuschauer begeistert mitmachten.

Ohne Frage gehörte diese Darbietung in der Bietigheimer Kelter zu den Höhepunkten der Ludwigsburger Schlossfestspiele und zeigte einmal mehr, wie gut das Konzept des Festivals, aus Altbekannten überraschend Neues hervorzuzaubern, funktioniert. The Erlkings bedankten sich zum Schluss dafür, dass man „riskiert habe, so eine verrückte Band spielen zu lassen“. Das Publikum dankte mit lang anhaltendem Applaus für das große Vergnügen, eine so „ver-rückte“ Version von Schuberts Liederzyklus in einmalig mitreißender und unterhaltsamer Form erleben zu dürfen.