Der Zweite Weltkrieg stellt mit 55 bis 60 Millionen Opfern den bisher verheerendsten Konflikt in der Menschheitsgeschichte dar. Von deutscher Seite als geheime Kommandosache 170/39 lange vorbereitet, begann das Dritte Reich mit dem Überfall auf Polen am 1. September 1939 den Weltkrieg. Schon Wochen vor Kriegsausbruch wurde die Zivilbevölkerung in Bietigheim und Umgebung darauf eingestimmt.

Am 19. August 1939 kündigt der Pferdemarktausschuss den Bietigheimer Pferdemarkt zunächst noch für den 3. und 4. September auf dem Festplatz beim Enzviadukt an. Der Film „Im Kampf gegen den Weltfeind – Deutsche Freiwillige in Spanien“, der am 22. August im Lichtspielhaus Bietigheim gezeigt wurde, stimmte jedoch allmählich auf die politische Entwicklung ein.

International liefen im Geheimen die Kriegsvorbereitungen weiter. Der Nichtangriffspakt Berlin-Moskau wurde am 23./24. August unterzeichnet. Militärische Begriffe hielten nun vermehrt Einzug in den Alltag. Außenpolitisch vermutete man am 25. August aufgrund der „englischen Hetze“ die „geheime Mobilmachung“ in Polen. Es wurde gemeldet, dass „Warschau zum Losschlagen bereit sei“ und „Deutschlands Langmut am Ende sei“. Der Ton aus Berlin wurde immer schärfer: „Danzig und der Korridor müssen zum Reich.“

Dann wurde es auch für die Zivilbevölkerung ernst. Plötzlich führte man eine Bezugsscheinpflicht für lebenswichtige Güter ein. Damit sollte „Jedes Hamstern unmöglich gemacht“ werden. Warum sollte man im Frieden hamstern? Lebensmittelmarken gab es zuletzt während des Ersten Weltkrieges. Planmäßig hat Bietigheim noch den städtischen Kraftverkehr Stadt-Bahnhof eröffnet, und dann das: In einer amtlichen Bekanntmachung von Bietigheim wurde am 28. August darauf hingewiesen, „dass der Pferdemarkt mit seinen Neben­-
veranstaltungen der besonderen Verhältnisse halber nicht abgehalten wird“.

Rationierte Lebensmittel

Die Nazi-Propaganda bereitet die Deutschen am 29. August weiter auf den Konflikt vor: „Blutiger Polenterror gegen alles Deutsche“. Fleisch gab es künftig dreimal pro Woche auf Bezugsschein. 280 Gramm Zucker pro Kopf und Woche wurden als Höchstmenge ausgegeben. Treibstoff wird ebenfalls rationiert. Kraftstoffe waren ab 1. September nur noch gegen eine Tankausweiskarte erhältlich.

Ein Bericht erläuterte „Luftschutzmaßnahmen mit einfachsten Mitteln“. Eine Landkarte mit Danzig und Westpolen stimmte die Leser rechtzeitig auf die Konfliktgegend ein. Am 30. August war zu lesen: „Die Polen planen einen Panzervorstoß auf Danzig“. Die „gerechte Verteilung der Hausbrandkohle“ sowie die Frage „Wie erhält man Kleidung und Schuhe“ wurde in der Zeitung erörtert. Eine neue Bekanntmachung regelte die Abgabe von Vergaser- und Dieselkraftstoffen. Der Umgang mit den Lebensmittelmarken war noch ungewohnt. „Milch, Fett, Zucker und Nährmittel, wann gelten die Abschnitte, und was erhält man darauf?“ war am 31. August 1939 zu lesen.

Am 1. September begann schließlich die Katastrophe. „Gewalt wird mit Gewalt beantwortet“ und „Danzig ins Reich zurückgekehrt“ lauteten die Schlagzeilen. Der „Überfall auf den Sender Gleiwitz“ wurde neben der Abgabe von Spinnstoffen und Schuhwaren angeführt. Ab sofort rechnete man mit Luftangriffen auf deutsche Städte. „Die Reichsregierung hat den zivilen Luftschutz mit sofortiger Wirkung aufgerufen“ lautete eine Bekanntmachung der Stadt Bietigheim. „Wir werden niemals kapitulieren“ war am 2. September auf der Titelseite zu lesen. Der Bevölkerung wurde geraten: „In jedes Haus gehört eine Luftschutz Apotheke“.

Zweifelnde Volksgenossen konnten ab 4. September Rat bei der von der „Partei“ eingerichteten öffentlichen Beratungsstelle im Bietigheimer Stadthaus Marktplatz 1 finden. Um die Soldaten für Heldentaten zu motivieren, hat am 4. September der „Führer und oberste Befehlshaber der Wehrmacht“ den „Orden des Eisernen Kreuzes erneuert“. Wichtige Ratschläge für die Verdunkelung wurden am 6. September veröffentlicht. In einer Mitteilung vom 9. September verkündete die Industrie- und Handelskammer Stuttgart die „Umstellung auf Kriegswirtschaft“. Die Wirtschaft wurde also sofort allein auf die wehrwirtschaftlichen Bedürfnisse ausgerichtet.

Bei einem Gang durch die Verdunkelung stellte man am 15. September fest, dass Bietigheim luftschutzbereit ist, also kein Licht durch die Fenster scheint. Noch erscheint der Krieg zu Hause eher als spannendes Abenteuer. Das sollte sich ändern. Am 2. Oktober wurden die ersten Traueranzeigen von gefallenen Soldaten veröffentlicht. „Willi G. aus Hohenhaslach, Schütze in einem Infanterieregiment starb im Feldzuge gegen Polen in treuester Pflichterfüllung den Heldentod“. „Unteroffizier Fritz S. aus Bönnigheim, ist bei den Kämpfen um Lemberg in treuer Pflichterfüllung für Führer und Vaterland gefallen“, in tiefer Trauer zeichnete Familie S. mit Braut. Damit war der Krieg in der Heimat angekommen. Unzählige Traueranzeigen dieser Art sollten folgen.