Schwerpunkt Vereine Rückbesinnung auf Tradition

Bietigheim-Bissingen / Rena Weiss 15.09.2018

Der Trachtenverein Bietigheim war immer schon einer der kleineren Vereine, sagt sein Erster Vorsitzender Gunter Dlabal. Doch wenn er von kleiner spricht, dann spricht er in Bietigheim-Bissinger Dimensionen: „Die Spitze waren mal etwa 250 Mitglieder. Wenn sie das mit 5000 beim Sportverein vergleichen, sind das fünf Prozent davon“, sagt Dlabal. Heute hat der Verein rund 125 Mitglieder.

Früher und auch heute noch ein bisschen ist der Verein ein Familienverein. „Das hat den charmanten Vorteil, dass der Opa mit dem Enkele den Volkstanz tanzen kann“, betont der Erste Vorsitzende. Das sei einer der Vorteile des Vereins und der Grund, warum dieser zwar wie viele andere Vereine zu kämpfen hat, aber nicht vom Aussterben bedroht ist. Dennoch bemerke er, dass es weniger Kinder und Jugendliche in den Verein ziehe, sagt Dlabal. „Mit 13, 14 Jahren ist es halt nicht mehr cool, Tracht zu tragen“, meint der 68-Jährige. Das sei außerhalb der Heimat nicht mehr so schlimm. Bei den älteren Mitgliedern müsse der Verein mit Studium und Ausbildung konkurrieren. „Wenn man heute studiert, geht man weg“, sagt Dlabal.

Früher mehr Fördermitglieder

„Früher hatten wir auch mehr Fördermitglieder“, sagt der Vorsitzende. Also solche, die nicht aktiv im Verein sind, aber den Verein fördern, weil beispielsweise die Kinder Mitglied sind. Das Problem, laut Gunter Dlabal: „Wenn das Kind nicht mehr in den Verein geht, dann kündigt man sofort.“ Solche Mitglieder habe der Verein früher noch eher an den Trachtenverein binden können. „Das passiert heute nicht mehr“, sagt er und ergänzt, dass dies ein gesellschaftliches Problem sei. „Man geht nur noch Verbindungen ein, wo man selbst auch etwas davon hat.“

Er mache sich schon Sorgen, wie der Verein in Zukunft aufgestellt sein werde. Auch im Hinblick auf seine Tätigkeit als Vorstand. „Der Kampf um Mitglieder zwischen den Vereinen ist recht groß“, sagt Dlabal, „und wir haben weniger Menschen, die sich ehrenamtlich betätigen.“ Was zugenommen habe, sei das projektbezogene Engagement, ergänzt er.

Gunter Dlabal, der zugleich Vizepräsident des Deutschen Trachtenverbandes, Erster Vorsitzender des Südwestdeutschen Gauverbands der Heimat- und Trachtenvereine und stellvertretender Vorsitzender des Arbeitskreises Heimatpflege des Regierungsbezirk Stuttgart und im Beirat in Karlsruhe ist, richtet auch sehr deutliche Worte an die Politik und fordert Handeln. „Man ist nicht mehr bereit, Funktionen zu übernehmen, da sollte die Politik Aus- und Fortbildungen von Funktionspersonen anbieten.“ Im Jugendbereich gebe es da keine Probleme, aber in der Erwachsenenbildung. „Wenn sich die Politik da nichts einfallen lässt, braucht sie in zehn Jahren keine Ehrenamtlichen loben, weil wir sie nicht mehr haben“, findet der 68-Jährige klare Worte.

Einen Modetrend, um die Vorstandsarbeit wieder attraktiver zu machen, sieht Gunter Dlabal kritisch: das Verteilen der Verantwortung auf mehreren Schultern. „Das Vereinsregister sieht zwei Personen als Ansprechpartner vor, im Prinzip der Erste und zweite Vorstand“, erklärt Dlabal. „Ich mache mir keinen Gefallen, da jetzt fünf Leute einzutragen. Dann ist jeder allein vertretungsberechtigt und ich kann dann für alle andere vier gerade stehen.“ Es sei für ihn ein Irrtum, dass man dadurch dann weniger Verantwortung trage, sondern eben für vier weitere auch hafte. Zu zweit könne man sich doch viel besser absprechen, als bei fünf.

„Man möchte heute alles Alte abschaffen und neu machen. Doch ob das Neue besser ist, ist eine andere Frage“, sagt er und ergänzt, dass die Vereinsstruktur mit Vorständen ein demokratisches Gebilde ist, das den Vereinen seit dem 19. Jahrhundert über viele Dinge hinweggeholfen habe. Der älteste Trachtenverein in Baden-Württemberg ist 1893 gegründet worden. In diesem Gefüge sei ein Verein flexibel: „Ich kann jederzeit innerhalb eines Vereins ein Projekt machen. Da habe ich einen Projektleiter und -mitarbeiter. Wenn das Projekt vorbei ist, ist auch diese Gruppe wieder aufgelöst.“

Auch erlebe er es in den Vereinen, dass ehemalige Mitglieder um die 40 herum, wieder eintreten. Dazu gebe es auch Studien, betont Dlabal. Dazwischen stehe ein Verein in großer Konkurrenz mit der Berufsfindung und der Familiengründung. „Was wir auch ein bisschen als Konkurrenz haben, ist unsere Flexibilität heute“, sagt er.

Dabei geht es auch um Ausflüge. „Wenn wir früher, mit dem Verein Ausflüge gemacht haben, dann hat sich das privat nicht jeder leisten können“, erklärt er, „heute fährt jeder jedes Wochenende irgendwohin, wenn er will“.

Dafür biete der Trachtenverein Bietigheim eine Kameradschaft und eine Rückbesinnung auf die Wurzeln. „Wenn ich nicht weiß, wo ich herkomme, dann weiß ich auch nicht, wo ich hin will“, heiße es. Zudem sagt Dlabal in Bezug auf seine Verbandstätigkeit: „Wenn wir in den Vereinen weniger werden, dann müssen wir näher zusammenrücken.“ Und das eben auch innerhalb der befreundeten Vereine.

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