Was war, was kommt Reitende Boten

Andreas Lukesch  analysiert das Bietigheimer Spiel.
Andreas Lukesch analysiert das Bietigheimer Spiel. © Foto: Andreas Lukesch
Andreas Lukesch 30.06.2018

Eine Städtenachbarschaft ist ganz einfach: Zwei Städte ringen 90 Jahre um Einwohner, Angebote und Unternehmen – und am Ende gewinnt Bietigheim-Bissingen. Schön wär’s. Leider haben sich die Zeiten ja in jeder Hinsicht geändert. Es ist wie im deutschen Fußball: Das Vorankommen ist längst nicht mehr gesetzt, das Spiel wird langsamer, eher behäbig, die Akteure agieren austauschbar, kraft- und ideenlos. In dieser Woche lasen wir zum Beispiel, dass es bei der Digitalisierung in den Bietigheimer Schulen noch Defizite gibt. Die Situation ist offenbar so dramatisch, dass eigens eine Projektgruppe gegründet werden muss. Da schaudert es einen, die Stadt greift zum Äußersten, so schlimm steht es also. Bietigheim reiht sich da aber lediglich ins deutsche Gesamtbild ein. Das Land droht bei der Digitalisierung schon in der Vorrunde zu scheitern, während es Litauen und Dänemark mit auffallender Leichtigkeit längst ins Achtelfinale geschafft haben. Günther Oettinger, der Sepp Herberger unter den deutschen Politikstrategen, sagt es immer wieder: „Passt auf, dass ihr den Anschluss nicht verliert.“

Womit wir wieder bei der Städtenachbarschaft Ludwigsburg-Bietigheim-Bissingen wären. Gut, in Sachen Verkehr steht es eher unentschieden – mit leichtem Vorteil für Bietigheim und viel frischer Luft nach oben in Ludwigsburg. Was aber die Gewerbeflächen angeht, da stimmt das Bietigheimer Passspiel nicht, der Gemeinderat kommt aus der Defensive kaum heraus, der Mannschaft gelingt es zu selten, sich die Räume für eine Offensiv-Taktik zu erschließen. Die Tammer Auswechselspieler können die substanziellen Defizite nicht ausgleichen. Ludwigsburg setzt dagegen konsequent auf aggressives Nachvornspiel, dribbelt mit der Breuningerland-Erweiterung geschickt den Bietigheimer Einzelhandel aus, wirkt insgesamt frischer, jünger und, womit wir wieder am Anfang wären, digitaler. Während im Ludwigsburger Rathaus bereits Roboter im Einsatz sind, sendet Bietigheim noch reitende Boten aus, die ihre Botschaften auf Kreidetafeln in die Schulen tragen. In solchen Situationen bemühen Trainer und Co-Trainer gern Vergleiche mit anderen Mannschaften. Man stehe im Vergleich zu den Nachbarorten noch gut da, ließ Bürgermeister Kölz in einer Spielpause verlauten. Das ist so, als würde Jogi Löw das Ausscheiden der deutschen Mannschaft damit relativieren, dass man international immerhin besser als Burkina Faso und die Färöer Inseln agiere. Und das stimmt auch noch.

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