Volle Lager, leere Fahrradläden, das war der Stand der Dinge bei den Fahrradhändlern in der Region, als Ende März die Läden geschlossen wurden und Deutschland stillstand. Mittlerweile lautet die Analyse gerade andersherum: Leere Lager, volle Fahrradläden. Den Radhändlern sind  die Fahrräder buchstäblich aus den Händen gerissen worden, sie gehören zweifellos zu den Gewinnern der Krise.
„Noch nie, nie, nie habe ich einen solchen Anstrum erlebt wie in diesem Jahr“, beschreibt Petra Imle, was sich seit der Wiedereröffnung am 20. April in ihren Ladengeschäften in Bietigheim-Bissingen und in Ludwigsburg abgespielt hat.  War sie Ende März noch froh um jeden Kunden, der sein Fahrrad zur Reparatur brachte, denn die Werkstätten waren geöffnet, so wusste sie ein paar Wochen später, als sie wieder öffnen durfte, schnell nicht mehr, wie sie die Wünsche der Kunden bedienen konnte.

Verrückte Situationen

 „Verrückte Situationen“ habe sie erlebt, erzählt sie. Kunden wollten nicht auf Bestellungen warten, sondern nahmen mit, was am Lager war, selbst wenn das Rad in Farbe und Ausstattung nicht den Wünschen entsprach. In Schlangen warteten die Kunden vor dem Laden in Ludwigsburg  an den Tagen, an denen der Lastwagen mit Nachschub kam. Schon beim Ausladen seien einige unruhig geworden, ob das bestellte Rad auch dabei war.
Die Ursachen für diese enorme Nachfrage hat Imle schnell genannt: Langeweile, als wegen Corona gar nichts mehr ging, keine Aussicht auf Urlaubsreisen, keine Möglichkeiten, Sport im Verein zu treiben: „Da blieb nur puzzeln oder Rad fahren“, sagt sie.
 „Wir haben immer noch Hochsaison“, sagt Petra Imle, die von einem zweistelligen Umsatzzuwachs spricht. Es hätte noch mehr sein können. Aber die Hersteller waren nicht lieferfähig. Neue Fahrräder waren „nur tröpflesweise“ zu bekommen. Fast sechs Wochen lang sei ihr Laden fast leer gewesen. Ob Mountainbikes, Crossräder oder Kinderräder: „Alles ist gekauft worden.“ Vor allem aber E-Bikes waren und sind die Renner. „Dieser Trend ist ungebrochen“, sagt Petra Imle. Das Interesse an Tourenrädern ohne Motor habe dagegen nachgelassen.
Auch Robert Wallner wusste zeitweise nicht mehr, wo ihm vor lauter Arbeit und Anfragen der Kopf stand. „Es ist ein stressiges Jahr“, sagt der Inhaber eines großen Fahrradgeschäfts in Bissingen. Im März hatte er noch über die Flaute im Verkauf geklagt, blieb aber zuversichtlich. Zu Recht, wie sich jetzt zeigt. Nachdem ab dem 20. April die Läden wieder öffnen konnten, „haben wir einiges reingeholt.“  Hochwertige Mountainbikes seien ausverkauft, „im Tourenbereich haben wir schon noch etwas da“, sagt Wallner. Begehrt war und ist alles, was einen Motor hat.
„Wir hätten das Geschäft unseres Lebens machen können“, sagt Wallner, Wenn, ja wenn es nur genügend Nachschub an Rädern gegeben hätte. An Akkus, an Federgabeln, ja selbst an einfachen Ersatzteilen wie Fahrradschläuchen hat es gefehlt, weil die Lieferketten unterbrochen waren und die Hersteller nicht liefern konnten. Selbst wer im Frühjahr bestellt hatte, habe sein Fahrrad nicht immer rechtzeitig bekommen. „Manche Kunden haben darauf genervt reagiert.“ Frühestens im Oktober rechnet Wallner mit dem ersten Nachschub an Rädern, mit der Folge, dass es bis dahin eine Delle im Umsatz geben wird.
Generell allerdings ist das Fahrrad weiter auf der Gewinnerstraße, sagen beide Radhändler übereinstimmend. Dafür spreche der Drang der Menschen zur Mobilität, meint Wallner. Es fahren noch genügend alte Fahrräder auf den Straßen herum, die ersetzt werden müssen, so die Einschätzung von Petra Imle. Ab Oktober erhalten die Landesbeamten die Chance ein Fahrrad als Dienstrad zu leasen, auch das dürfte das Geschäft weiter ankurbeln. Eines ist sicher, sagt Imle: „Einen Schlussverkauf wird es dieses Jahr nicht geben.“