Die neue Ausgabe der Blätter zur Stadtgeschichte, der aktuellen Zählung nach Band 17, ist nach Aussage des Bietigheimer Kulturamtsleiters Stefan Benning als Begleitband zur Ausstellung „Krankenmord im Nationalsozialismus. Grafeneck 1940. Opferschicksale aus Bietigheim-Bissingen“ im Stadtmuseum Hornmoldhaus konzipiert. Neben diesem Schwerpunkt werden etliche weitere interessante historische Themen lesenswert aufbereitet. Dr. Erich Viehöfer schildert beispielsweise historische Kriminalfälle aus Bietigheim, wie einen Fall von Sodomie und Blasphemie aus dem Jahre 1684. Der Bietigheimer Apothekergeselle Johann Hürsich habe mehrfach den Gottesdienst geschwänzt und homosexuelle Handlungen mit insgesamt fünf jungen Männern vollzogen. Nach der peinlichen Halsgerichtsordnung stand darauf die Todesstrafe. Hürsich wurde nach dem sogenannten Württemberger Gewohnheitsrecht mit dem Schwert gerichtet.

Einen besonderen Fall von Ehebruch, in den der spätere Löchgauer Schultheiß Christoph Fahrner 1653 involviert war, schildert Stefan Benning: Fahrner ertappte einen Nebenbuhler als Ehebrecher im Lotterbett und tötete den Geliebten seiner Ehefrau. Später heiratete Fahrner erneut und wurde Schultheiß in Löchgau.

Jahrelanger Schlagabtausch

Benning beschreibt weiter die Auseinandersetzung Fahrners mit dem Chemiker Rudolf Glauber, dem Begründer der gewerblichen Chemie und Entdecker des nach ihm benannten Glauber-Salzes. Gegen eine Lizenzgebühr überließ Glauber dem Löchgauer Schultheißen einige seiner chemischen Präparate und Verfahren zur Nutzung. 1655 kam es zu einem Zerwürfnis zwischen den beiden. Es folgte damals ein jahrelanger publizistischer Schlagabtausch, bei dem sich beide Parteien nichts schenkten. Glauber starb 1670. Fahrner war scheinbar mit seinen Arzneien bis zu seinem Tod im Jahre 1688 recht erfolgreich.

1684 sagte der Bietigheimer Diakon Johann Jakob Zimmermann für das Jahr 1693 den Weltuntergang voraus. Alexandra Haas hat diesen Beitrag für die Geschichtsblätter aufgearbeitet. Wegen seiner radikal pietistischen Aussagen wurde er von der Landeskirche seines Dienstes enthoben. Letztendlich wollte er von Rotterdam aus in die Neue Welt auswandern. Bevor das Schiff ablegen konnte, starb Zimmermann jedoch in dem Jahr für das er den Untergang vorausgesagt hatte: 1693.

Paul Schmid beleuchtet die Wanderschaft im 18. Jahrhundert am Beispiel des Bäckergesellen Michael Frölich aus Bissingen. Zwei erhaltene Originalbriefe, der zweite aus dem Jahr 1796 enthalten die spannende Zusammenfassung von vier Jahren Wanderschaft.

Die Geschichte des ehemaligen Gasthauses Krone in der Zeit von 1825 bis zum Abbruch der Krone im Jahre 1972 hat Sonja Eisele aufgearbeitet. Seit dem 15. Jahrhundert bot die Krone Gästen Mahlzeit und Unterkunft. Für die damalige Zeit war der Neubau ein stattliches Gebäude mit Billardzimmer, Herrenstube und Gästezimmer. Im Laufe der Jahre gab es etliche Besitzerwechsel. Die Krone wurde mit dem geräumigen Kronensaal zu einem äußerst beliebten Veranstaltungsort für Versammlungen und Vereinsfeste. 1874 wurde die Poststelle der Königlich-Württembergischen Staatspost in die Krone verlegt. Deshalb dürfte den älteren Bietigheimer auch noch der Name Krone-Post geläufig sein. 1907 bekam die Krone einen großen Saal-Anbau. Dieser entwickelte sich, so Eisele, zum Kulturzentrum der Stadt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde im Kronensaal ein Kino eingerichtet. 1972 musste die Krone dem Kronenzentrum weichen.

Gustav Schöck beleuchtet die Anfänge der Gesangvereine in Württemberg. Demnach wurde 1805 von Nägeli in Zürich ein Singinstitut gegründet. Aus diesem heraus entstand ein Kinderchor, dem ein Männerchor angegliedert wurde. In Württemberg folgte 1824 der Stuttgarter Liederkranz. 1843 entstand der Gesangverein Erligheim. 1860 wurde der Sängerkranz Bietigheim, 1861 der Liederkranz Bissingen und 1881 der Liederkranz Metterzimmern und 1887 der Gesangverein Eintracht Untermberg gegründet. 40 Prozent aller Gesangvereine tragen den Namen Liederkranz.

Den Lebensweg des Lyrikers, Dramatikers, Journalisten und Schriftstellers Otto Rombach (1904-1984) zeichnet Anton Philipp Knittel nach. Rombach wurde 1904 in Böckingen geboren. Rombach arbeitete früh die Frankfurter Zeitung, schrieb Bühnenstücke und Bücher. Mit dem Roman „Adrian der Tulpendieb“ gelang Rombach 1936 der Durchbruch als Schriftsteller. Otto Rombach war während des Krieges in der Rundfunkpolitischen Abteilung des Auswärtigen Amtes tätig. Eine engere Verstrickung mit den Nationalsozialisten konnte bislang nicht nachgewiesen werden. Rombach wird als leidenschaftlich Reisender und genauer Beobachter der Dinge beschrieben.

Zur laufenden Ausstellung

Passend zur laufenden Ausstellung im Hornmoldhaus „Krankenmord im Nationalsozialismus“ befasst sich Christian Hofmann mit dem Thema Patientenmord am Beispiel von Menschen aus Bietigheim, Bissingen und Untermberg. Im Rahmen der sogenannten „Aktion T4“ wurden kranke Menschen mit Bussen nach Grafeneck gebracht. Die grauen Busse fuhren bei der Ankunft in Grafeneck direkt in einen von den Nationalsozialisten angelegten Tötungskomplex. Von Januar bis Dezember 1940 wurden etwa 10 654 Menschen ermordet. „Jeder ankommende Transport wurde ohne Rücksicht auf die Tageszeit sofort untersucht und die zur Euthanasie Bestimmten sofort vergast“, wird eine T4-Schwester mit ihrer Aussage bei einem Grafeneck-Prozess zitiert. Viele Einzelschicksale zeichnet Christian Hofmann nach. Der Künstler Gunter Demnig hat mit den im Stadtgebiet verlegten Stolpersteinen den Opfern ein Denkmal gesetzt. Eine davon ist Erna Unkel. Die damals 19-Jährige wurde am 13. Juni 1942 in die Heilanstalt Winnental eingewiesen und am 2. Februar 1945 ermordet.

Info Der großformatige Band 17 der Reihe Blätter zur Stadtgeschichte mit 147 Seiten ist in der Tourist Information, im Stadtmuseum Hornmoldhaus im Stadtarchiv und im Buchhandel zum Preis von 18,50 Euro erhältlich. Die Ausstellung im Stadtmuseum Hornmoldhaus ist noch bis 28. Juli zu sehen.