Notlage Polizeieinsatz durch defekten Aufzug

Rollstuhlfahrerin Anneliese Merker aus Bietigheim ist ihren Helfern Oliver Scheinkönig (links) und Patrick Scholl dankbar. Sie haben sie, wie hier als Nachstellung zu sehen, beim Ausfall des Aufzugs die Treppe hochgetragen.
Rollstuhlfahrerin Anneliese Merker aus Bietigheim ist ihren Helfern Oliver Scheinkönig (links) und Patrick Scholl dankbar. Sie haben sie, wie hier als Nachstellung zu sehen, beim Ausfall des Aufzugs die Treppe hochgetragen. © Foto: Helmut Pangerl
Bietigheim-Bissingen / Rena Weiss 07.08.2018

Dieser Tag wird mir in langer Erinnerung bleiben“, sagt Anneliese Merker aus Bietigheim-Bissingen. Seit 1994 sitzt die heute 78-Jährige aufgrund einer Autoimmunerkrankung im Rollstuhl und ist auf altersgerechtes Wohnen mit Fahrstuhl angewiesen. Eine solche Mietwohnung fand sie 1996 in einem Mehrfamilienhaus der Bietigheimer Wohnbau (BW). Doch als sie kürzlich vom Einkaufen nach Hause kam, war der Aufzug defekt und sie konnte nicht in ihre Wohnung im ersten Stockwerk.

„In letzter Zeit ist er häufiger ausgefallen“, sagt Merker und ergänzt, dass der Aufzug bereits seit 1989 in Betrieb ist. „Der Aufzug wurde 1989 eingebaut“, bestätigt Carsten Schüler, Geschäftsführer der BW, „allerdings wird er regelmäßig gewartet, erneuert und repariert.“ Tatsächlich sei nur noch die Kabine von 1989, die Technik dahinter sei auf dem neuesten Stand, erklärt Schüler. Allerdings räumt er ein, dass in den letzten vier Monaten drei Störungen gemeldet wurden: Stromstörungen, die die ganze Stadt betrafen (die BZ berichtete), eine eingedellte Aufzugtüre, weswegen diese nicht mehr richtig schloss und eben Anneliese Merkers Fall. Noch könne die Wohnbau nicht abschließend sagen, was hier zum Defekt geführt habe. Doch mittlerweile ist der Aufzug repariert und wieder in Betrieb. Das bestätigt auch die 78-Jährige.

Dennoch, an besagten Tag stand sie vor verschlossenen Aufzugtüren. „Ein Ausfall ist für uns Betroffene für längere Zeit unzumutbar“, sagt Merker. Mit ihr im Haus leben noch mehr Gehbehinderte mit Rollator und Rollstuhl. Es war mittlerweile 16 Uhr und die 78-Jährige rief bei der von der Wohnbau beauftragten Reparaturfirma an. „Wir haben eine Liste mit Telefonnummern der Notfalldienste im Wohnungsflur ausgehängt“, sagt Carsten Schüler, für die Zeiten, in denen die Wohnbau nicht erreichbar ist, wie an den Wochenenden. Diese Firma sei vertraglich verpflichtet bei einem Notfall innerhalb von 30 Minuten vor Ort zu sein, betont Schüler. Das sei so auch geschehen. Doch der Techniker benötigte Teile und konnte ohne diese den Aufzug nicht reparieren und ging wieder. „Nach vier- bis fünf Anrufen konnte mir nicht gesagt werden, ob der Techniker heute überhaupt wieder kommt“, erinnert sich Merker.

Verzweifelt rief sie beim Deutschen Roten Kreuz an, die wollte die Feuerwehr schicken. Aus Angst sie müsse den Einsatz selbst bezahlen, lehnte sie das Angebot ab. Im Gespräch mit Bietigheimer Feuerwehrkommandant Frank Wallesch erklärte dieser zwar, dass die Stadt die Rechnung stelle, er es sich jedoch nicht vorstellen könne, dass es zu einer hohen Rechnung oder gar überhaupt einer Rechnung gekommen wäre, da es sich klar um eine Notlage handle. Auf Nachfrage sagt Pressesprecherin Claudia Schneider, dass „die Feuerwehr in so einem Fall nicht zuständig ist und es in unserer Feuerwehrsatzung keinen solchen Kostentatbestand gibt.“

Aus Angst vor den Kosten rief die Bietigheimerin verzweifelt im Krankenhaus an. Dort riet man ihr, die Polizei anzurufen. Gesagt, getan – nach bereits rund zweieinhalb Stunden Wartezeit. „Die Polizei wollte mir sofort helfen“, sagt Merker und schickte zwei Beamte los. „An dem Tag war relativ viel los“, sagt Oliver Scheinkönig, Polizeiobermeister und einer der Helfer, doch für ihn und seinen Kollegen Patrick Scholl war klar, dass sie hier helfen mussten. Innerhalb von 30 Minuten waren Scholl und Scheinkönig zur Stelle. Einen solchen Einsatz hatten sie jedoch noch nie. Im engen Treppenhaus musste die 78-Jährige aus ihrem Elektrorollstuhl gehoben und in ihren Zimmerrollstuhl gesetzt werden. Denn nur in diesem konnten die Polizisten sie das enge Treppenhaus hochtragen. „Der Elektrorollstuhl ist viel zu schwer“, sagt die Bietigheimer, „mit großem Kraftaufwand haben mich die netten Beamten die Treppe Stufe für Stufe hinaufgezogen.“ Oben angekommen war sie ihren Helfern unendlich dankbar: „Ich muss sie jetzt umarmen“, sagte sie den Polizisten.

Dennoch sagt Anneliese Merker: „Die Angst schwebt vor jeder Benutzung des Aufzugs wie ein Damokles Schwert über uns.“ Deswegen akzeptiere sie zwar auch die Entschuldigung der Reparaturfirma und der Wohnbau, doch sage sie klar, dass ein Ausfall in der Form nicht mehr passieren dürfe. Die Wohnbau indes erklärt, dass sie mit den Bewohnern in Kontakt steht und sie die Aufzüge in allen Wohneinheiten prüft und wartet.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel