Bietigheim-Bissingen Plastikdeckel helfen gegen Polio

Die 2a der Hillerschule in Bietigheim-Bissingen sammelt mit Lehrerin Monika Frank Deckel für die Polio-Impfung. Bald können die ersten acht Säcke bei der Sammelstelle abgeholt werden.
Die 2a der Hillerschule in Bietigheim-Bissingen sammelt mit Lehrerin Monika Frank Deckel für die Polio-Impfung. Bald können die ersten acht Säcke bei der Sammelstelle abgeholt werden. © Foto: Martin Kalb
Bietighei-Bissingen / Carolin Domke 27.04.2018

Er ist rund, misst vier Zentimeter im Durchmesser und ist allgegenwertig: der Plastikdeckel. Einer allein kann noch nicht viel erreichen, doch 500 von den Schraubverschlüssen können ein Leben ohne Kinderlähmung ermöglichen.

Poliomeylitis ist eine durch Polioviren hervorgerufene und hochansteckende Infektionskrankheit, die bei Kindern Lähmungserscheinungen bewirkt und bis zum Tod führen kann. Einziger Weg die Verbreitung einzudämmen ist eine Schluckimpfung. In Afghanistan, Pakistan und Nigeria wurden in den letzten Jahren noch Fälle der Kinderlähmung verzeichnet. In Deutschland ist sie bereits gänzlich eingedämmt. Auch wenn sich aktuell die Krankheit auf drei Länder weltweit beschränkt, besteht in circa 60 Ländern weiterhin das Risiko der Wiedereinschleppung. Das macht eine umfangreiche Impfaktion notwendig. Eine Einzeldosis der Schluckimpfung kostet laut der Organisation „Deckel drauf“ e.V.  50 US Cents, inklusive aller Kosten. Das wiederum entspricht genau dem Erlös von 500 Flaschendeckeln, die recycelt werden. Soweit so gut, doch wo können Bürger, die helfen wollen die Verschlüsse einreichen?

Eine Schule sammelt Deckel

Im letzten Jahr gab es eine Anlaufstelle bei der Katholischen Jugend in Marbach. Über Bekannte hatte Monika Frank, Lehrerin der Klasse 2a an der Hillerschule von der Aktion erfahren und war begeistert. „Ich kenne die Kinderlähmung noch von Fällen aus meiner Kindheit“, begründet sie mitunter ihre Motivation das Konzept zu unterstützen. Nachdem die Sammelstelle in Marbach eingestellt wurde, kam die Idee diese Aktion in der Schule zu etablieren.

Auch ihre Schüler waren von der Idee hellauf begeistert. Seit dem neuen Schuljahr motivieren nun die Schüler der 2a zum fleißigen Deckelsammeln. „Die Kinder lieben es zu sammeln“, weiß Monika Frank, dazu gefalle ihnen, etwas für den guten Zweck und für andere Kinder zu tun, ergänzt sie. Soweit sie weiß, ist die Hillerschule die einzige Sammelstelle im Großraum Stuttgart.

Stolze 3,5 Kilogramm Plastikdeckel kommen in einer Woche zusammen. Das entspricht zirka 1750 Deckel. Jeder Schluck aus der Plastikflasche erinnert an die Aktion. Und auch in den Lehrerzimmern stehen kleine Eimerchen auf der Küchenzeile, in denen die Verschlüsse vorab für die Container gesammelt werden. „Ich habe zu Hause ein Glas stehen, da werden die Deckel gesammelt. Auch die Schüler bringen immer wieder einen größeren Schwung mit“, ergänzt Frank.

Unterstützt wird die Grundschule von der Firma Wiesbauer im Laiern. Dort stehen auf einem Parkplatz große Behälter, sogenannte Bigbags, für je 225 Kilo Deckel. Sind acht voll, werden sie von einem Recyclingunternehmen abgeholt, sonst lohne es sich nicht, meint die Lehrerin. Bevor die in der Schule gesammelten Deckel zu Wiesbauer gelangen, kontrolliert sie, ob auch die richtigen eingeworfen wurden. Aus Produktionsgründen dürfen es nur die kleinen Verschlüsse aus Polyethylen (HDPE) oder Polypropylen (PP) sein. Zum Beispiel von Saft- und Milchpackungen oder Erfrischungsgetränken.

Jeder kann mitmachen

Nicht nur die Schüler der Klasse 2a, jeder kann sich an der Aktion beteiligen und die Deckel zu den Schulzeiten in der Hillerschule vorbeibringen. „Es muss kein Geld gespendet werden. Die Deckel fallen in jedem Haushalt an“, so die Grundschullehrerin. Von November bis März füllte sich nur ein Bigbag, bis Ende April waren es plötzlich schon fünf. „Mit einem Schlag brachte jemand 400 bis 500 Deckel. Der hat gehortet“, lacht sie. Einmal in der Woche bringt sie die vollen Behälter zu Wiesbauer, zu dem auch jeder Bürger die Deckel bringen kann.

Noch ist die Aktion für alle neu. Wird der Aufwand zu groß, kann auch Monika Frank das soziale Engagement und die Fahrten zu Wiesbauer nicht mehr allein stemmen. Bis jetzt läuft es aber überraschend gut, ein Ende sei nicht in Sicht. Einen weitere positiven Effekt zeigt das Deckelsammeln schon jetzt: „Die Kinder lernen mit Müll umzugehen, denn allmählich haben wir ein Plastikproblem. In kleinen Schritten wird der Wegwerfmentalität entgegengesteuert“, meint Monika Frank.

Die Aktion „Deckel gegen Polio“

Der Verein Deckel drauf e.V. wurde im Jahr 2014 gegründet. Seit dem Start der Aktion wurden circa 171 818 000 Deckel verwertet und mit dem Erlös über 342  300 Schluckimpfungen finanziert.

Sammeln kann jeder und die Deckel bei einer Abgabestelle in der Umgebung abgeben. Trotz fehlender Verschlüsse werden die Pfandflaschen in den Supermärkten angenommen.

Wegen der Größe des Mahlwerks für die Granulierung in der Recyclingfirma dürfen die Deckel aus PP und HDPE den Durchmesser von vier Zentimeter nicht überschreiten. cd

www.deckel-gegen-polio.de

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