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Missbrauch
Bietigheim-Bissingen / Susanne Yvette Walter

Die Veranstaltung „Kino & Kiche“ in Bietigheim-Bissingen ist eine ökumenische Initiative, die regelmäßig Filme unterschiedlicher Ausrichtung im Olympiakino in Bissingen zeigt. Am Mittwoch ging es an die Substanz der Kirchen. Die beiden Pfarrer Stephan Seiler-Thies von der evangelischen Gesamtkirchengemeinde Bietigheim und Pfarrer Roland Deckwart von der katholischen Gemeinde St. Laurentius stellten sich im vollen Kinosaal einem hochbrisanten Thema: dem Missbrauch von Kindern durch Geistliche.

Die Thematik, um die es in dem mehrfach mit dem Prädikat besonders wertvoll bedachten Film „Verfehlung“ geht, ist brandaktuell. 2015 hat ihn der deutsche Regisseur Gerd Schneider auf den Markt gebracht. Es geht um die Freundschaft dreier katholischer Priester, von denen einer unter Verdacht gerät, sexuellen Missbrauch an pubertierenden Jungen verübt zu haben. Ein Aufschrei geht durch die Kirchengemeinde als der junge, athletisch und gut aussehende Pfarrer in Untersuchungshaft kommt. Seinem Kollegen Jakob lässt die Geschichte keine Ruhe. Er spürt, dass die Beschuldigungen nicht zu Unrecht auf den Geistlichen einprasseln, und entlockt ihm eine ehrliche Stellungsnahme, die lautet: „Es ist halt so passiert.“

Der deutsche Spielfilm ist so nahe an der Realität, dass es keine Möglichkeit zum Weggucken gibt. Man hätte zwei Stunden lang die berühmte Stecknadel fallen hören können.

Bei der sich anschließenden Fragerunde brauchten die Organisatoren Stephan Seiler-Thies und Roland Deckwart nicht lange auf Wortmeldungen zu warten. Zu dem im Film geschilderten Zwiespalt zwischen dem Glauben an die Ehrlichkeit einer Freundschaft einerseits und den aufkeimenden Zweifeln an der Integrität des Freundes sagte Deckwart: „Ich wüsste nicht, wie ich reagieren würde. Ich danke Gott, dass ich in so einer Situation noch nie war.“

Betroffen machte viele, wie selbst der Film über die eigentlichen Hauptfiguren in diesem Debakel hinweggeht. Die Kinder kommen im Film deshalb kaum zu Gehör, weil sie auch in der Realität in so einer Situation oft schweigen und sich auch noch schämen und Angst haben, aus der „Gemeinschaft“ verstoßen zu werden, wenn sie da nicht mitziehen. „Leider ist genau das oft Realität. Oft werden in solchen Fällen leider auch stillschweigende Vereinbarungen getroffen“, weiß Pfarrer Deckwart.

Im Film wird die alleinerziehende Mutter des einen Opfers mit Geld zum Schweigen gebracht. Der Junge, völlig zerstört, sitzt auf der Toilette, ritzt sich und lebt seinen Schmerz aus. „Oft sind es gerade Kinder aus zerrütteten Familienverhältnissen, die Orientierung in kirchlichen Kreisen suchen und besonders anfällige Opfer sind“, stellte Deckwart einen Zusammenhang her. Er sprach an, was künftig verhindern soll, dass sich Fälle wie im Film wiederholen: „Kirchliche Mitarbeiter sind in der Pflicht, eine Präventionsausbildung zu machen. Es geht darum, allen, die in der Diözese arbeiten, bewusst zu machen, was da passiert ist. Zudem brauchen sie ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis.“

Pfarrer Deckwart hofft, dass für Deutschland bald ein kirchliches Verwaltungsgericht geschaffen wird. Momentan sei es zumindest wie folgt: Nach Verfehlung eines Priesters oder noch höher gestellten Geistlichen in der katholischen Kirche gelte grundsätzlich, dass er in den Laienstand zurückversetzt werde.

Deckwart erinnerte auch daran, dass heute die Bedingungen für Geschädigte und Opfer deutlich besser seien als noch vor 30 Jahren. „Damals gab es noch keinerlei Beratungsstellen. Damals hieß es noch: Du bist doch selber schuld. Hättest du Dich anders angezogen.“ Und Organisationen wie etwa eine „Silberdistel“ gab es nicht. „Eltern und Opfer waren demnach völlig auf sich gestellt und hilflos.“ Deckwart ist froh, dass „durch Filme wie diesen die Präventionsarbeit vorangebracht wird“. Man könne über Filme das Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit erweitern und verändern. Weil in der Vergangenheit immer wieder Missbrauchsfälle den Stempel „verjährt“ bekommen haben, die erst später ans Licht gekommen sind, sei diese Verjährungsfrist verlängert worden, informierte Pfarrer Deckwart die Zuhörer.

Info Es gab um 20 Uhr noch einen zweiten Filmdurchgang. Diesmal stellte sich Generalvikar Clemens Stroppel von der Diözese Rottenburg-Stuttgart den Fragen der Zuschauer.