Schwerpunkt Notfallversorgung Patientenansturm nimmt in den Ferien nicht ab

Bietigheim-Bissingen / Rena Weiss 18.08.2018

Vor fünf bis sechs Jahren gab es in den Sommerferien noch rund 50 Prozent weniger Patienten, als im Rest des Jahres. Damals konnte sich das Personal des Krankenhauses Bietigheim-Vaihingen in der Zeit Urlaub nehmen. Doch für Dr. Ute Junker, Oberärztin im Zentrum für Interdisziplinäre Notfallmedizin, gibt es diesen Luxus nicht mehr. „Wir rechnen jeden Tag mit dem höchsten Patientenaufkommen“, sagt die Ärztin zur Notaufnahme und Notfallpraxis. Zudem erschwere wenig Personal die Urlaubsplanung. „Die Notaufnahme-Pflegekräfte arbeitet die ganze Zeit am Limit. Wir mussten auch schon Pflegekräfte aus dem Urlaub zurückholen.“

Die Gründe, warum es über die Jahre keine Sommerpause für das Krankenhaus gibt, sind vielfältig. Generell gebe es in der Notfallmedizin einen Anstieg an Patienten. „Die Angst der Menschen steigt, ernsthaft erkrankt zu sein“, sagt Junker und gibt dem Internet eine Mitschuld. Sucht man dort nach seinen Symptomen werde einem schnell eine schlimme Erkrankung diagnostiziert. „Die Hausärzte können den Andrang nicht schaffen“, sagt Ute Junker, die eng mit Hausärzten zusammenarbeitet. Dadurch müssen sie manchmal Patienten wegschicken. Lange Wartezeiten bei Fachärzten sorgen ebenfalls dafür, dass viele ambulante Patienten, also solche die nicht in die Notaufnahme, sondern zu einem Haus- oder Facharzt gehören, dennoch in der Notaufnahme aufschlagen. Auch deswegen ist Ute Junker froh über die Notfallpraxis direkt im Krankenhaus. „So müssen wir die ambulanten Patienten nicht wegschicken, sondern können sie nebenan behandeln lassen.“

Anstieg ambulanter Patienten

Während es noch vor rund sechs Jahren circa 20 Prozent ambulante Patienten gab, sind es mittlerweile zwischen 50 und 60 Prozent, sagt die Ärztin. „Ambulante Patienten kommen oft aus Unwissenheit oder auch aus mangelnder Einschätzung ihrer Erkrankung zu uns in die Notaufnahme“, erklärt Junker, „und wir schauen uns jeden Patienten an.“ Allerdings müsse sie klar sagen: „Das ist personell kaum machbar.“ Zudem ergänzt Junker, dass in der Ferienzeit ein Anstieg ambulanter Patienten zu bemerken ist. Denn auch die Haus- und Fachärzte nutzen den Sommer für ihren Urlaub. „Die Urlaubsvertreter sind dann ebenfalls überlastet“, erklärt Junker.

„Wir geraten da in eine Zwickmühle“, sagt sie, „denn die Patienten haben ja etwas, aber keinen Notfall.“ Oft sind es Patienten, die eine Erkältung haben und dann vielleicht ein Brennen auf der Brust, das als Herzinfarkt interpretiert werde. „Im Sommer kommen viele Patienten mit Insektenstichen zu uns“ – auch Stiche, die ganz normal gerötet sind. Patienten mit Harnwegsinfekten sehe die Ärztin zudem immer häufiger. „Das sind aber keine Fälle für die Notaufnahme“, betont sie deutlich und versucht, das auch den Patienten zu vermitteln. Das klappe jedoch nicht immer. „Wir hatten schon den Fall, dass wir einen Patienten auf dem Boden reanimieren mussten und andere sahen das und beschwerten sich dennoch über die lange Wartezeit“, erzählt Junker.

Die Unzufriedenheit und die Anspruchshaltung haben zugenommen, bemerke sie. Doch mache sie den Patienten keinen Vorwurf, sondern der Politik: „Es ist ein Unding, dass wir so ein Gesundheitssystem haben.“ Denn, dass das Krankenhaus die Ressourcen nicht habe, lege an der schlechten Bezahlung und den Arbeitszeiten. „Wir hätten gerne viel mehr Personal und größere Räume“, sagt sie, „aber wir sind selbst im System gefangen.“ Jeden Tag im Jahr ist die Notaufnahme mit einem Arzt und einer Pflegekraft besetzt. Ideal wäre es für Ute Junker, wenn es einen Chirurg gebe und zusätzlichen einen Internisten, dazu noch eine Pflegekraft pro Schicht und eine Rufkraft. „Noch besser wären drei Pflegekräfte pro Schicht und eine Rufkraft“, doch Junkers Wunsch könne nicht erfüllt werden. „Das können wir von der Basis aus nicht machen“, erklärt sie. Denn nur durch bessere Bezahlung gebe es mehr Personal, nur durch mehr Personal gebe es bessere Arbeitszeiten und nur, wenn beides stimmt, gebe es auch wieder mehr Bewerber.

Im Klinikum Ludwigsburg seien derzeit Stellen für die Notaufnahme ausgeschrieben, da sei es schwierig Bewerber zu finden, sagt sie. Größere und mehr Räume jedoch werde es in Bietigheim bald geben, wenn die Notaufnahme wird umgebaut (die BZ berichtete). In der Notaufnahme gibt es zwei Stationen, die Innere Medizin und die Unfallchirurgie. Die Innere Medizin ist noch im ersten Stock. Ab Oktober zieht sie ins Erdgeschoss zur Unfallchirurgie und zu Notfallpraxis. „Wir versuchen den Lärm von den Patienten fernzuhalten“, sagt Junker zu den Umbauarbeiten. Räume werde es genügend geben, damit die Patienten so wenig wie möglich damit belastet werden, versichert die Ärztin.

Stromausfall, Terroranschlag, Großunfall

Während es bei der Regionale Kliniken Holding (RKH) keine Sommerpause mehr gebe, bereitet sie sich jedoch gezielt auf mehr Patienten vor, wie sie in den Fällen von Stromausfällen, Großunfälle und Terroranschläge aufkommen würden. Den Umgang mit solchen Ereignissen wird vom eigenen Katastrophenmanagement geplant und in Übungen in den einzelnen Krankenhäusern durchgespielt. „Wir üben beispielsweise ein Eisenbahnunglück am Viadukt“, erklärt Oberärztin Ute Junker, „mit dem Katastrophenmanagement läuft dann eine Maschinerie an.“ Alle Ärzte und Pflegekräfte müssen sich beispielsweise im Krankenhaus melden, ob Urlaub oder nicht. rwe

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