Freundinnen hat Arwed Theuer in seinem Leben immer mal wieder. Die große Liebe aber ist nie dabei. "Ich habe einfach nie die Richtige kennengelernt, teilweise war ich auch nicht reif genug", sagt er im Rückblick. Vor etwa zwei Jahren beschließt der heute 54-Jährige dann, es einmal mit Online-Dating zu versuchen. "Man kann ja alles mal ausprobieren, man muss ja offen sein." Es klingt beinahe entschuldigend.

Arwed Theuer landet auf dem Datingportal "Trueflirts". Die Anmeldung ist unkompliziert und kostenlos, die Seite erscheint dem Motorradfan freundlich und einladend. "Die meisten Profile waren mit sehr attraktiven Bildern versehen." Dass viele Fotos gar nicht die Frauen zeigen, mit denen Arwed Theuer sich hin- und herschreiben wird, dämmert ihm bald. Doch nun stürzt er sich erst mal ins Netz-Getümmel, hat regen Kontakt mit mehreren Damen. Das geht ins Geld: Das Portal arbeitet mit sogenannten Flirtpennys, für jede Nachricht, die er absendet, habe er 80 Cent bezahlt, erzählt er. Das läppert sich. "Im Monat habe ich teils 100 Euro ausgegeben." Etwa 500 Euro werden es später insgesamt sein, schätzt Arwed Theuer.

Das Geld ist schlecht investiert, wie sich herausstellen soll: Zu einer echten Verabredung, auf die der Bietigheimer ja eigentlich aus ist, wird es nie kommen. Theuer weiß heute: "Das waren Fakeprofile." Die Frauen hätten zwar immer zugesagt, dass sie ein Treffen wollten. Sei es konkret darum gegangen, seien jedoch immer Ausreden gekommen, berichtet er. "Sie haben gesagt, sie seien noch nicht so weit, hätten schlechte Erfahrungen gemacht, die Eltern seien zu Besuch oder die Mutter sei plötzlich ins Krankenhaus gekommen."

Auch Telefongespräche seien stets abgeblockt worden, dafür hätten die Frauen das Nachrichten-Schreiben, das ja kostet, angeheizt, so Theuer. "Man bekommt immer sehr schnell eine Antwort, gleichzeitig wird auf Fragen oft nicht eingegangen, so dass man nochmal nachfragen muss", erinnert er sich.

Arwed Theuer macht sich im Internet über "Trueflirts" schlau. In verschiedenen Foren stößt er auf andere Männer und Frauen, die von Abzocke und unlauteren Methoden berichten. Außerdem sammelt er Beweise dafür, dass die Bilder von Profilnamen wie "cocobabe17" oder "lustgirl87" nicht zu echten Frauen gehören: Auf einem Foto sei beispielsweise die US-Sängerin Britney Spears zu sehen gewesen, auf einem anderen das TV-Sternchen Emilia Rizzo, erzählt Theuer und legt die passenden Bilder auf den Tisch.

Der Bietigheimer erstattet schließlich Anzeige bei der Staatsanwaltschaft Hamburg, wo das für "Trueflirts" zuständige Unternehmen, die Webucation GmbH, laut dem Impressum der Seite ansässig ist. Wegen Betrugs beziehungsweise Computerbetrugs und Verletzung des Urheberrechts. Doch die Anzeige bleibt ohne Erfolg. Mit Schreiben vom 23. April 2014 teilt die Staatsanwaltschaft mit, dass sie das Ermittlungsverfahren gegen den Geschäftsführer der Webucation GmbH eingestellt habe, "da die Begehung einer Straftat durch den Beschuldigten nicht mit der für die Erhebung einer Anklage erforderlichen Sicherheit festzustellen war".

Der Knackpunkt: Sowohl in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen als auch an anderer Stelle auf der Homepage weist die Webucation GmbH explizit daraufhin, dass von ihr sogenannte Controller eingesetzt werden, "die unter mehreren Identitäten Dialoge führen können". Und weiter: Im System seien diese nicht besonders gekennzeichnet "und werden sich auch nicht als solche zu erkennen geben". Der Flirtspaß solle an oberster Stelle stehen. Weil das Unternehmen also keinen Hehl daraus macht, unechte Profile zu betreiben, fehle die tatsächliche Voraussetzung insbesondere für die Annahme einer Täuschungshandlung im Sinne des Betrugstatbestandes, teilt die Staatsanwaltschaft mit.

In puncto Verletzung des Urheberrechts, auf die Arwed Theuer auch aufmerksam gemacht hatte, ist die Staatsanwaltschaft indes überhaupt nicht tätig geworden. Das könne man nur auf Antrag des Verletzten, sprich der Abgebildeten beziehungsweise der Fotografen, sollten sie die Urheberrechte an den Bildern besitzen. Entsprechende Anzeigen liegen der Staatsanwaltschaft Hamburg bislang nicht vor.

Die Webucation GmbH hat bis zum Redaktionsschluss nicht auf eine schriftliche Anfrage mit der Bitte um eine Stellungnahme reagiert und war auch telefonisch nicht zu erreichen. Arwed Theuer räumt derweil ein, die AGBs und auch den Hinweis auf die Scheinprofile gelesen zu haben. Unter dem Wort Controller habe er sich allerdings nichts vorstellen können, er habe gedacht, dass seien Angestellte, die kontrollierten, dass alles richtig laufe.

Der 54-Jährige gibt auch zu, mit den Frauen weiter Kontakt gehabt zu haben, auch nachdem er schon geahnt hatte, dass hinter so manchem Profil nicht steckt, was draufsteht. Wobei für den Nutzer eben auch nicht ersichtlich sei, welches Profil real sei und welches nicht. "Irgendwie hat man sich innerlich schon verliebt und schreibt eben weiter." Er sei wütend, sagt Arwed Theuer. "Immerhin habe ich eine ganze Stange Geld verloren, das ist Abzocke."

Seinen Account bei "Trueflirts" hat der Ingenieur bislang noch nicht gelöscht, vom Online-Dating hat er dennoch die Schnauze voll, wie er sagt. Mittlerweile ist er darauf auch nicht mehr angewiesen. Seit einigen Monaten hat er eine neue Freundin. "Die habe ich in der Nachbarschaft kennengelernt."

Info
Arwed Theuer hat seine Geschichte auch einem Fernsehteam der ARD erzählt. Für Montag, 21. Juli, ist ein Beitrag im Abendprogramm geplant.

Landkreis Ludwigsburg: Kriminalität im Netz nimmt zu

Statistik Nach Angaben der Polizei Ludwigsburg steigen die Zahlen der Computer- und Internetkriminalität stetig. Während man 2012 im Kreis Ludwigsburg noch 423 Fälle registrierte, waren es 615 im Jahr 2013. Bei einem Großteil sei es um Vermögens- und Fälschungsdelikte gegangen, die restlichen Vorfälle bezogen sich unter anderem auf die sexuelle Selbstbestimmung (Nacktbilder), Bedrohung oder Beleidigung im Netz. Anzeigen in Verbindung mit Flirtportalen habe es schon länger nicht gegeben, sagt der Polizeisprecher Peter Widenhorn.

Selbstschutz Der Polizist Peter Widenhorn rät, im Netz keine Verträge abzuschließen, sich die Allgemeinen Geschäftsbedingungen immer gut durchzulesen und bei Käufen im Internet nicht in Vorkasse zu gehen, und wenn doch, dann nur über seriöse Zahlungswege wie Paypal. Auf vielen Portalen könne man sich mittels der Bewertungen im Vorfeld über die Verkäufer informieren.

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