Es fing an mit einer einfachen Frage in einer privaten Facebook-Gruppe über Bietigheim-Bissingen: „Kann mir jemand sagen, wo sich Obdachlose zurückziehen?“ Daniel Flögel reagierte damit auf die Begegnung mit einer Frau und einer jungen Obdachlosen in Bietigheim. Was daraufhin passierte, damit hatte Flögel nicht gerechnet. Er wurde überhäuft mit Hilfsangeboten. „Mir war klar, ich muss etwas machen“, sagt er.

In kürzester Zeit fanden sich neben Flögel noch sechs weitere Helfer und jede Menge Sachspenden. „Meine rechte Hand ist Oliver Gartmann“, erklärt Daniel Flögel, der durch seinen Hilfsaufruf auch das Gesicht der Aktion wurde. „Ich hätte nie gedacht, dass die Bietigheimer so hilfsbereit sind“, sagt Flögel. Er habe zwar mit ein paar Sachspenden gerechnet, doch nicht mit der großen Menge. Mehrere Keller haben die Helfer nun schon mit den Spenden wie Kleidung, Hygieneartikeln, Töpfe, Konserven, Decken und Schlafsäcken füllen können. Doch darin liegt auch ein Problem der noch jungen Gruppe: „Wir brauchen dringend einen Lagerplatz“, erklärt Flögel. „Mein Keller ist schulterhoch zwei auf zwei Meter voll.“

Es ging alles ganz schnell, doch das habe auch seinen Grund: „Wir müssen jetzt helfen“, sagt der 35-Jährige, weil die Temperaturen weiter sinken. Am Dienstag vergangene Woche stellte Flögel seine Frage, am Mittwochabend sind er und die Helfer schon auf den Straßen Bietigheim-Bissingens unterwegs gewesen und trafen zunächst auf drei Obdachlose. „Wir haben sie gefragt, was sie brauchen“, sagt der 35-Jährige. Bereits am nächsten Morgen postete Daniel Flögel erneut in die Facebook-Gruppe, was gebraucht wird. „Das musste ich nach zwei Stunden schon stoppen, weil wir das erst mal sortieren mussten. Es war einfach so viel. Das war überwältigend.“ Geldspenden nehmen sie nicht an, stellt er klar. Doch auch Firmen haben Unterstützung zugesagt. Mittlerweile hat sich jemand gemeldet, bei denen die Obdachlosen duschen dürfen und es wurde regelmäßiges warmes Essen zugesichert.

Warmes Essen, für viele eine Selbstverständlichkeit. Doch das seien genau die Dinge, die für Obdachlose eine große Hilfe seien. „Wir fragten ein Pärchen, was sie sich wünschen, was wir ihnen schnell und unkompliziert geben können“, sagt Flögel. Als Antwort kam: „Ich würde mich gerne mal wieder rasieren.“ An die letzte warme Mahlzeit konnten sich die beiden gar nicht mehr erinnern, weil es zu lange her war. „Das sind für uns ganz banale Dinge, aber für sie ist es die Welt.“

Dabei haben diese Menschen nicht nur mit der Obdachlosigkeit zu kämpfen. „Sie werden schnell als Säufer abgestempelt.“ Doch hier stellt Flögel klar, dass nicht alle Alkohol trinken. Viele jedoch versuchen mit Alkohol ihre Sorgen und die Kälte zu vergessen. Diebstähle und Gewalt zwischen Obdachlosen seien in den Wohnheimen keine Seltenheit, wird ihm berichtet. Aber auch auf der Straße erleben die Obdachlosen Gewalt. So erging es auch zwei der Obdachlosen, wie sie Flögel berichten. Sie wurden überfallen und zusammengeschlagen. Beleidigungen seien ebenfalls an der Tagesordnung.

„Das kann uns allen ganz schnell passieren“, mahnt der 35-Jährige vor vorschneller Verurteilung. Eine Trennung, kein Familienrückhalt und dann auch noch ein Jobverlust – schnell ist das Dach über dem Kopf weg. „Es sind Leute wie du und ich“, sagt er über seine Begegnungen mit Menschen, die zwischen 28 und 40 Jahre alt sind. Deswegen engagiere er sich auch dafür, den Menschen zu helfen. Er prangert die Stadt an: „Bietigheim macht relativ wenig für Obdachlose“, sagt der Ingersheimer. Es gebe zwar Angebote, aber diese reichen nicht. Ein wichtiger Aspekt sei für den 35-Jährigen, dass die Spenden persönlich von ihm und dem Helferteam übergeben werde. „Persönlicher Kontakt ist uns wichtig.“ Es benötige viel Zeit und Behutsamkeit, bis das Vertrauen hergestellt sei. Nach jedem Besuch trifft sich die Gruppe und bespricht das Erlebte. „Es ist extrem intensiv“, sagt er über die Gespräche mit den Obdachlosen. Eine einmalige Sache soll das Engagement nicht sein, versichert er. Er freue sich auf weitere Helfer, Spenden und vor allem Angebote mit Lagerplatz per E-Mail an bibi-hilft@gmx.de melden.

Städtische Notunterkünfte


Zum Stichtag 31. Dezember 2018 waren in den 16 städtischen Notunterkünften 178 Personen untergebracht. Davon 113 obdachlose Personen und 65 Flüchtlinge. 2017 waren es noch 168. Zum Vergleich: 2015 gab es lediglich 126 Menschen in Obdachlosenheimen der Stadt.

Hinzu kamen laut Petra Kümmerlin vom Familienbüro 32 Fälle, in denen sich Menschen im Familienbüro meldeten und nach einer Unterbringung in der Notunterkunft fragten, da sie obdachlos geworden beziehungsweise von Obdachlosigkeit bedroht waren. bz