Musikkabarett Musterbeispiel der Unterhaltungskunst

Musikkabarettistin Lucy van Kuhl zieht die Besucher im Kleinkunstkeller Bietigheim am Freitagabend in ihren Bann.
Musikkabarettistin Lucy van Kuhl zieht die Besucher im Kleinkunstkeller Bietigheim am Freitagabend in ihren Bann. © Foto: Helmut Pangerl
Von Sandra Bildmann 14.01.2019

Lucy van Kuhl scherzt. Sie beneidet kleine Leute für ihre Alltagspraktikabilität – die Klamotten nie zu groß, das Bett nie zu klein. Dafür erreicht die große Dame problemlos das oberste Regal im Supermarkt. Lucy van Kuhl ist eine Große – in Körpermaß und Kunst. Das zeigte sie bei ihrem Auftritt am Freitagabend im Bietigheimer Kleinkunstkeller. Die doppelte Aussagekraft und die Botschaft zwischen den Zeilen gehören zu Kuhls Grundwerkzeugen.

Van Kuhl war als Chansonnière auf „humorvoll-nachdenkliche Art“ und mit „knackig pointierten Kabarett-Liedern“ am Klavier angekündigt worden. Diesen Erwartungen wurde sie gerecht. Mit ihrem aktuellen Programm „Dazwischen“ gibt sie all den Momenten eine Plattform, die einen Mittelweg suchen, die sich nicht für ein Extrem entscheiden. Und wie häufig das der Fall ist, erklärte sich schon im Stil der Künstlerin selbst. Auch sie hat sich nicht für einen einzigen Stil entschieden. Drei verschiedene Kategorien ihrer Lieder ließen sich am Freitagabend ausmachen: die melancholisch-tiefgründigen, die kabarettistisch-witzigen und die tiefgründig-kabarettistischen. Für ihren Auftritt benötigt sie nur ein Klavier und sich selbst.

Mit Chanson assoziiert man zwar tendenziell eher den Stil von Edith Piaf und Charles Aznavour, doch auch eine Bezeichnung als Liedermacherin würde van Kuhl nicht recht beschreiben. Die in Berlin lebende Künstlerin lässt sich in keine Schublade stecken. Und das ist gut so. Was als nächstes kommt, lässt sich für das Publikum nicht vorhersehen. Die Bietigheimer blieben mit wachen Augen und Ohren dabei.

Exemplarisch dafür steht die Kreuzfahrt von Gertrud und Willi. Es ist der Höhepunkt des Programms aus der Kategorie kabarettistisch-witzig, direkt vor der Pause und belegt van Kuhls Fähigkeiten, nicht nur eine unterhaltsame Geschichte zu erfinden, sie sprachlich entsprechend gewieft zu verpacken und musikalisch passend zu begleiten. Die Künstlerin spannt einen großen Bogen bis zu einer überraschenden Pointe. Ein Musterbeispiel der Unterhaltungskunst. Auch deshalb, weil es schriftsprachlich nur unzureichend wiedergegeben werden könnte.

Keine plumpen Sprüche

Die Faszination, die van Kuhls Programm auf ihr Publikum haben kann, wächst aus der Mischung und abwechselnden Aufeinanderfolge der drei Lieder-Kategorien. Corinna Fuhrmann alias Lucy van Kuhl eilt eben nicht von einem Schenkelklopfer zum anderen, belehrt nicht nur mit Moralpredigten und versumpft nicht in Melancholie. Wo andere Kabarettisten mit plumpen oder derben Sprüchen sich mühen, das Verhältnis von Mann und Frau zu illustrieren, da beweist Lucy van Kuhl, dass es auch ganz anders geht. Ihr „Mann“ ist Koffer Samson, der sich unsterblich in Rimova verliebt hat – „Sexy Rillen, Silberhaut, sein Griff schnellt hoch bei so ‘ner Braut […] Bist du bereit für eine heiße Samsonite?“

Lucy van Kuhl kommt auf herrliche Ideen, blickt auf gesellschaftsrelevante Themen aus einer ungewöhnlichen Perspektive. So lässt sie Chantals Smartphone beten: „Lieber Handy-Gott, erhöre mich! Bitte erlöse mich vom Justin-Bieber-Klingelton und von der Glitzerhülle.“ Sie führt so authentisch – wie es diese Groteske eben zulässt – vor, wie ein Smartphone darunter leidet, wenn sich seine pubertierende Besitzerin mit einer Karaoke-App ausprobiert und wie das Handy danach lechzt, sich umzubringen.

Immer wieder schwingt sich van Kuhl in Schwindel erregende Höhen der Sprachakrobatik. Auch ihr Song über die westfälische Stadt Hamm ist ein Exempel ihrer Kreativität und ihres sprachlichen Feingefühls. Und wer, wenn nicht sie, könnte Mephisto, Casanova, Schneewittchen und Asterix in einem Atemzug zusammenbringen? Sie tut das in einem Klagelied einer von der Digitalisierung bedrohten Spezies. Kuhl wettert nicht grob. Sie widmet dem Lesezeichen würdevoll ein Requiem für den Artenschutz.

Beifall erhielt die Künstlerin  genauso für ihre nachdenklicheren Kompositionen. „Schulfreund“, „Grautage“ und „Die Erinnerung“ enthielten Stoff, mit dem sich wohl jeder im Publikum mehr oder weniger identifizieren konnte. Lucy van Kuhl erhielt verdientermaßen enormen Applaus.

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