Bietigheim-Bissingen Mittendrin im Elend: Gründerin der Menschenrechtsorganisation "KinderBerg"

Suzana Lipovac, Gründerin und Geschäftsführerin der Hilfsorganisation "KinderBerg International", hielt am Mittwoch einen Gastvortrag im Beruflichen Schulzentrum.
Suzana Lipovac, Gründerin und Geschäftsführerin der Hilfsorganisation "KinderBerg International", hielt am Mittwoch einen Gastvortrag im Beruflichen Schulzentrum. © Foto: Helmut Pangerl
Bietigheim-Bissingen / SUSANNE YVETTE WALTER 22.05.2014
Sie ist regelmäßig mittendrin im menschlichen Elend. Suzana Lipovac, Gründerin der Menschenrechtsorganisation "KinderBerg", sprach am Mittwoch zu Bietigheim-Bissinger Schülern.

Sie macht seit 1992 im Alleingang Siebenmeilenschritte in Sachen humanitärer Hilfe als Gründerin, Geschäftsführerin und Vorstandsvorsitzende des Vereins "KinderBerg International". Suzana Lipovac lässt heute gern junge Menschen teilhaben - an ihren krassen Erfahrungen und Erlebnissen in Krisengebieten wie dem Kosovo und Afghanistan. Am Mittwoch war sie zu Gast am Beruflichen Schulzentrum in Bietigheim-Bissingen. Die 46-Jährige erzählte vor Klassen des Beruflichen Gymnasiums und der Berufsschule über das Engagement ihrer Hilfsorganisation, über die Gründung von "KinderBerg" und nicht zuletzt über ihr eigenes Leben jenseits von persönlichen Karriereinteressen.

Gänsehaut macht es unweigerlich, wenn man der in Stuttgart geborenen Tochter bosnischer Kroaten zuhört. Sie erzählt davon, wie der Grad an Unterernährung an Kinderarmen mit einem Maßband gemessen werden kann. Sie spricht über Knüppel, die ihr die afghanische Regierung lange zwischen die Beine geworfen hat, und sie erzählt, wie Menschen, die sich ihrem Hilfskonvoi näherten, von Granaten getroffen wurden und sie plötzlich Schwerverletzte behandeln musste. Mucksmäuschenstill ist es im Konferenzraum des Schulzentrums. So etwas hören die Jugendlichen dort nicht alle Tage.

Suzana Lipovacs Engagement, das ihr Beinamen wie "Schwaben-Engel" und "Mutter Teresa mit Sexappeal" eingebracht hat, ist alles, bloß nicht alltäglich. Sie hasst diese Namen und nennt als Beweggrund für ihren beispiellosen Einsatz nur ihren "ausgeprägten Gerechtigkeitssinn". In den 90ern gab sie nach einem Aufenthalt in bosnischen Kriegsgebieten ihren gut bezahlten Job als Managerin in einem Weltkonzern auf und gründete eine humanitäre Privatinitiative, um Kriegsverletzte und Flüchtlinge zu unterstützen. "Ich wollte einmal im Leben etwas Gutes tun", sagt sie. Daraus ging später der "KinderBerg" hervor. Die Hilfsorganisation unterstützt mittlerweile Projekte in Afghanistan, Sri Lanka, Nepal, an der Elfenbeinküste und in Balkanstaaten.

Schwerpunkte der Projektarbeit von "KinderBerg" in Afghanistan, die jährlich mit rund 20 Millionen Euro des Auswärtigen Amtes gefördert wird, sind der Auf- und Ausbau des dortigen Gesundheits- und Bildungswesens und die Unterstützung der Entwicklung hin zu einer aufgeklärten Zivilgesellschaft. Suzana Lipovac wurde für ihr Engagement mehrfach ausgezeichnet, darunter mit dem Bundesverdienstkreuz und der Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg. Im Schulzentrum vor rund 200 Schülern plauderte sie, ohne hier auf das Verbreiten von Sensationen aus zu sein.

Vom Kosovo ging es fast direkt nach Afghanistan. Überall auf der Welt bot und bietet sich Suzana Lipovac ein ähnliches Schreckensszenarium: Macht und Gewaltherrschaft auf der einen Seite und eine Flut von Menschen auf der anderen, die Opfer totalitärer Machenschaften sind und werden. In Afghanistan sei die Sterblichkeit an jungen Frauen während der Entbindung oder zwei Wochen danach so hoch wie sonst nirgends auf der Welt. Auch in puncto Kindersterblichkeit liege das arme Land leider ganz vorne. Suzana Lipovac kämpft mit ihrer Organisation gerade dort, wo die Not am größten ist. Schon im Kosovo-Krieg holte sie vom Krieg traumatisierte Kinder nach Deutschland, und kümmerte sich um vergewaltigte bosnische Frauen. Heute steht sie an der Front ihres eigenen Kinderhilfswerks und kämpft um die Akzeptanz von humanitärer Hilfe in den einzelnen Staaten. "Man braucht nicht glauben, dass ein Leben ausreicht, um diese Probleme zu lösen. Man kann höchstens Grundsteine zur Besserung der Situation legen und muss Nachfolger suchen, die das Begonnene weiterführen", weiß sie. Auch deshalb besucht die engagierte Menschenrechtlerin immer wieder Schulen, um hier die Folgegeneration für die Not und das Leid zu sensibilisieren.

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