Bietigheim-Bissingen / Rena Weiss

Ein an Demenz erkrankter Mann sitzt in einem Pflegeheim. Seine Tochter besucht ihn, doch er erkennt sie nicht mehr. Doch dann singt sie ihm ein Lied aus seiner Kindheit vor und der Demenzkranke blüht auf und fängt an zu singen. Er erinnert sich an die Melodie und den Text. Lange war dieses Phänomen für Forscher ungeklärt. Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig sowie an der Universität Amsterdam haben jedoch herausgefunden, dass im Vergleich zu anderen Teilen des Gedächtnisses das Langzeit-Musikgedächtnis von Alzheimer-Patienten oftmals erstaunlich lange intakt und funktionsfähig bleibt. In der Praxis nutzen Betreuer und Therapeuten diesen Umstand und aktivieren ihre Patienten mit Musik.

Gedächtnisleistung fördern

Doch nicht nur Demenzkranke profitieren von Musik und dem Musizieren. Die Wissenschaft ist sich einig, dass aktives Musizieren Alterungsprozesse verlangsamt – besonders im Bereich der Hör- und Gedächtnisleistungen. „Ältere Menschen werden mit Musik gefördert“, sagt Karl-Heinz Essig. Der Pfarrer war am Donnerstag zu Gast beim Bezirksarbeitskreis für Seniorenarbeit des Kirchenbezirks Besigheim im Gemeindehaus der Pauluskirche in Bietigheim-Bissingen. Mitarbeiter in der Seniorenarbeit aus dem gesamten Kirchenbezirk waren gekommen, um sich über ihr Ehrenamt auszutauschen und neue Ideen zu sammeln. Anhand verschiedener Liedtexte zeigte Essig auf, wie die Mitarbeiter mit Senioren ins Gespräch kommen können.

Das wollen auch Doris Kientsch und Sigrid Binder aus Erligheim. Beide bieten dort einen 14-tägigen Frauentreff an. „Musik spielt dabei eine große Rolle“, sagt Binder. Dabei bieten die beiden nicht nur Singen an, sondern sie sammeln auch oft Hintergründe zu den Liedern und der damaligen Zeit. Dadurch werden bei den Teilnehmern Erinnerungen geweckt. „Im Kleeblattheim wollen wir das auch einbringen und hoffen hier auf Anregungen, wie wir das umsetzen können“, sagt Doris Kientsch.

Wie Doris Kientsch und Sigrid Binder sind auch die anderen 18 Teilnehmer in der Seniorenarbeit der evangelischen Kirche aktiv und leiten diverse Gruppen. Der Altersdurchschnitt ist hoch, doch das habe einen einfachen Grund, erklärt Pfarrerin Christa Epple-Franke: „Senioren kennen ja die Bedürfnisse der Senioren.“ Am Donnerstagnachmittag gehe es darum, den Ehrenamtlichen das Handwerkszeug in die Hand zu legen, ergänzt Sibylle Zimmer, Diakonin im Besigheimer Kirchenbezirk und Imitatorin des Impulsnachmittags für Seniorenarbeit „Lass die Seele tanzen – Musik in der Seniorenarbeit“. „Musik löst unheimlich viel aus – egal in welchem Alter“, sagt Zimmer.

Das ist auch im Gemeindehaus zu erleben. Karl-Heinz Essig spielt „Jetzt kommen die lustigen Tage“ und die Teilnehmer singen mit, klatschen und bewegen sich dazu. So, wie sie es auch in ihren Gruppen machen. Dazu bietet Essig verschiedene Tanzbewegungen zu verschiedenen Textzeilen an. „Schätzel, ade“, heißt es im Lied, da bietet sich Winken zum Abschied an. Im Gehirn sind bei der Ausübung von Musik das Hör- und das Sprachzentrum miteinander vernetzt. So wirkt Singen dem Sprachverlust entgegen. Auch Bewegung fördert das Gedächtnis. Unter anderem weil das Gehirn dadurch besser durchblutet und mit Sauerstoff versorgt wird. Eine Kombination daraus verbessert die Vernetzung der einzelnen Hirnregionen, die für Bewegung, Wahrnehmung und Musik zuständig sind.

Musik verbindet

Neben den körperlichen Vorteilen des Singens geht es am Impulsnachmittag vor allem auch um die emotionale Komponente des gemeinsamen Musizierens. „Musik verbindet“, sagt Sibylle Zimmer und Christa Epple-Franke ergänzt: „Musik schafft Verbundenheit und spricht andere Sphären an.“ Das ist auch am Donnerstag zu erleben. Die Teilnehmerinnen kennen sich nicht alle unter einander, doch ihre Arbeit verbindet sie.