Bietigheim-Bissingen / Bernd Winckler

Die Messerstiche gegen vermeintliche Streitschlichter im Bietigheimer Bürgergarten waren eine Notwehrtat. Das Heilbronner Landgericht sprach am Montag einen 20-Jährigen, der am 7. September vergangenen Jahres zwei Streitschlichter mit einem Messer schwer verletzte, vom Vorwurf des versuchten Totschlags frei. Doch eine Strafe setzte es dennoch – wegen aggressiver Vorfälle vor diesem Geschehen damals in Bietigheim: Zehn Monate auf Bewährung wegen Körperverletzung und Nötigung.

Die Vorsitzende Richterin der 2. Großen Strafkammer am Landgericht wurde bei der Urteilsverkündung am Montag deutlich in Richtung Zuhörerreihen, in denen sich Zeugen aufhielten. Zeugen hatten teilweise sehr widersprüchliche Angaben zu dem Vorfall am späten Abend jenes 7. Septembers vergangenen Jahres im Bietigheimer Bürgergarten abgegeben. Und vor allem habe es einer der später verletzten Zeugen mit der Wahrheit vor Gericht nicht ganz genau genommen – er sei schlicht nicht glaubhaft. Im Wesentlichen seien alle Zeugenaussagen recht durcheinander gewesen, so die Richterin.

Verurteilt wurde der 20-Jährige nur noch wegen zweifacher gefährlicher Körperverletzung und versuchter Nötigung. Bezüglich der Nötigung  ging es in einer Juninacht vergangenen Jahres um eine Rangelei, ebenfalls im Bürgergarten Bietigheim, bei der der Angeklagte ein kurzes Metallrohr als Waffe in der Hand hielt, dieses aber nicht direkt eingesetzt hat. Vier Wochen später war an fast derselben Stelle ein Messer mit von der Partie, welches der 20-Jährige einem 19-Jährigen an den Hals gedrückt hatte, weil dieser angeblich Unwahrheiten im Internet verbreitet habe. Den Vorfall wertete das Heilbronner Gericht als versuchte Nötigung.

Als gefährliche Körperverletzungen werteten die Richter jenen Ablauf, der sich vor den Messerstichen gegen die beiden Streitschlichter am Abend des 7. Septembers abspielte: Es war dabei zwar im Gegensatz zu den Zeugenaussagen kein Messer im Spiel, dafür die Fäuste.

Ein Schlag in das Gesicht des Gegners mit der Folge einer schweren Kieferverletzung und weitere Fausthiebe gegen den Begleiter des jungen Mannes. Der Fausthieb des Angeklagten war so wuchtig, dass er sich dabei selbst die Hand brach, heißt es in dem Urteil.

Bezüglich des Eingreifens der beiden später verletzten Streitschlichter hatte der Angeklagte zwar zugegeben, dass er ein Einhand-Messer „zur Abwehr“ benutzte, dies jedoch nur zur Notwehr, weil die beiden sich mit Schlägen gegen ihn abreagierten. Die dennoch schweren Verletzungen – jeweils 15 Zentimeter lange und vier Zentimeter tiefe Stich- und Schnittwunden am Hals und der Brust der Schlichter – seien eben auf diese Notwehrsituation des Angeklagten zurückzuführen, sagte die Gerichtsvorsitzende und sprach den 20-Jährigen diesbezüglich vom Vorwurf der versuchten Tötung frei.

Er habe wehrlos am Boden gelegen und sich mit Schwingbewegungen und dem Messer in  der Hand gewehrt, weil der Angriff der beiden verletzten Männer gegen ihn „rechtswidrig war“. Zudem hatten die beiden den Angeklagten nach dem Zubodenwerfen eine Treppe hinunter geschubst. Da sei eine Notwehr nicht widerlegbar, so das Urteil.

Allerdings bescheinigte die Strafkammer dem jetzt zu zehn Monaten Jugendhaft mit Bewährung Verurteilten eine recht aggressive Lebensart. Daher verordnete man ihm als Bewährungsauflage ein Zwangs-Aggressions-Training. Die Teilnahme daran muss er in der dreijährigen Bewährungszeit dem Gericht nachweisen.

Weitere Messerstechereien in Bietigheim-Bissingen

Die Messerstecherei im Bürgergarten ist nicht die einzige Auseinandersetzung mit Klingen in den vergangenen Jahren in Bietigheim-Bissingen:

August 2017: Bietigheim-Buch, Freiberger Straße, kurz vor Mitternacht. Mehrere Männer stehen vor einer Shisha-Bar. Plötzlich gibt es Schreie, ein Mann sinkt von Messerstichen lebensgefährlich verletzt zu Boden. Zwei 22- und 24-jährige Männer werden angeklagt wegen gemeinschaftlich versuchtem Totschlag. Das Landeskriminalamt (LKA) und die Heilbronner Staatsanwaltschaft hatten früh den starken Verdacht, dass die Beschuldigten zu der rockerähnlichen kurdischen Gruppe „Bahoz“ gehören. Die Attacke soll eine Art Racheakt gegen ein Mitglied der verfeindeten Gruppe „Osmanen Germaia BC“ gewesen sein. Die Anklage ging davon aus, dass die beiden den 23-Jährigen töten wollten. Das LKA stuft den Fall in den Konflikt zwischen „Bahoz“ und den „Osmanen“ ein. Laut Anklage sollen die Verdächtigen ihrem Opfer aufgelauert haben. Es habe der Plan bestanden, den Mann zu töten. Er erhielt mehrere Bauchstiche sowie Stiche in Schulter und Oberkörper, insgesamt zwölf Verletzungen. Dass er noch lebt, verdankt er einer Notoperation und einem 25-Jährigen, der versuchte, die Angreifer wegzudrängen. Das Gericht verurteilte den jüngeren Täter wegen versuchten Totschlags zu fünfeinhalb Jahren Haft,  den älteren zu  einem Jahr Haft auf Bewährung wegen Beihilfe.

März 2017:Mit zwei Messern hat ein 30 Jahre alter somalischer Asylanwärter auf einen Mitbewohner in einer Unterkunft in Bietigheim-Bissingen eingestochen und den Mann erheblich verletzt. Dafür verurteilte ihn das Landgericht Heilbronn wegen versuchter und vollendeter Körperverletzung zu zwei Jahren und zehn Monaten Haft. Bewaffnet mit einem Küchenmesser war der Angeklagte auf das Opfer losgegangen und hatte ihm einen Stich in den Arm versetzt, der allerdings durch die Jacke abgelenkt wurde. Durch andere Bewohner konnte der 30-Jährige  beruhigt werden. Eine Stunde später ging es jedoch weiter, wobei der Angeklagte diesmal in jeder Hand ein Messer hielt. Damit stach er erneut auf das Opfer ein, welches an der Schulter verletzt wurde. Der drei Zentimeter tiefe Stich musste medizinisch versorgt werden. Erneut konnten Bewohner den Somalier von weiteren Stichen abhalten. bz