Soll ich eine schwäbische Magd sein?“, beantwortet Béatrice Ensinger mit einem hörbaren französischen Akzent die Frage, warum sie als Melusine verkleidet Stadtführungen durch Bietigheim macht. Der Liebe wegen ist sie nach Deutschland gekommen und lebt seit 33 Jahren mit ihrem Mann in Tamm. Um die Liebe geht es auch in ihrer Melusinen-Stadtführung. Die startet am Fräuleinsbrunnen und das hat auch seinen Grund.

Auf dem Fräuleinsbrunnen ragt eine Meerjungfrau, die kurzerhand ein Fräulein wurde und dem Brunnen seinen Namen gab. Tatsächlich aber, hat das Fräulein einen Namen und ist adlig. Es ist Melusine, eine mythische Sagengestalt des Mittelalters. „Sie hat eine Krone und ist deswegen etwas Besonderes“, erklärt Béatrice Ensinger den Unterschied zu anderen Nixen. Melusine sah nicht immer so aus, wie sie auf dem Brunnen dargestellt wird. Sie ist die erste Tochter eines menschlichen Königs und einer Fee und wurde um 1210 geboren. Durch ihre Mutter erhielt sie besondere Kräfte und ihr wird nachgesagt, dass sie Glück, Reichtum und Wohlstand bringt. „Das trifft ja durchaus auf Bietigheim zu“, sagt Ensinger.

Ihre Geschichte wurde vor allem von französischen Mönchen überliefert – auch, warum Melusine so gar nichts mit einem Fräulein, also einer ungebundenen Frau, und einer Nixe, einer Verführerin und Todbringerin zu tun hat. Melusine stammt aus der französischen Ortschaft Lusignan in der Nähe der Atlantikküste. Ihr Name bedeutet so viel wie Meeresnebel. Ihren Schuppenschwanz erhielt sie von keiner anderen, als von ihrer eigenen Mutter. Doch nicht etwa als Geschenk, sondern als Bestrafung. Jeden Samstag musste Melusine eine Nixengestalt annehmen, erzählt Ensinger, die im Zuge ihrer Nachforschungen viele Schriften aus dem Französischen übersetzt hat. „Melusine hat es noch gut getroffen, weil sie nur samstags verflucht war“, sagt die Stadtführerin, „ihre Schwestern traf es härter.“ Je nach Überlieferung erhielten die beiden jüngeren Schwestern eine andere Strafe, allerdings immer eine permanente.

„Melusine versuchte das Beste aus ihrem Fluch zu machen.“ Das sei ein Vorbild und ein gutes Beispiel für Erfolg, so Ensinger. „Das fasziniert mich so an ihr.“ Denn trotz ihres Fluchs und samstäglichen Schuppenschwanz fand sie einen Ehemann und lebte lange glücklich mit ihm. „Nur musste er ihr versprechen, samstags nicht zu ihr zu gehen.“ Er hielt sich nicht daran und so floh Melusine für immer. „Ab und zu, wenn man darauf achtet und der Wind weht, kann man ihre Stimme hören“, sagt Ensinger über das Wirken der Melusine.

Béatrice Ensinger werde weiter Informationen über die Melusine sammeln. Sie hat bereits Spuren von ihr in Zypern, Polen, Russland und der Schweiz gefunden. Wichtig sei dabei immer die Krone. Ohne Krone ist es keine Melusine. Sie möchte, dass die Sage weiterlebt und hat deshalb ihre Geschichte in einem kleinen Büchlein zusammengefasst, dass sie zum Selbstkostenpreis bei Interesse anbietet: hbensinger@t-online.de. Oder man nimmt an einer ihrer Melusinen-Stadtführungen teil. Der wohl bekannteste Verbreiter der Melusine ist jedoch Starbucks. Das Logo des Unternehmens ist die Melusine.

Mit der Melusine durch die Stadt


Gästeführerin Béatrice Ensinger schlüpft in die Rolle einer Melusine und entführt ihre Begleiter in die mittelalterliche Sagenwelt. Diese Kostümführung startet am Sonntag, 13. Oktober, um 14 Uhr am Fräuleinsbrunnen in der Bietigheimer Hauptstraße. Karten sind in der Tourist Information erhältlich oder kurz vor Beginn der Führung vor Ort. Die Teilnahme an der Führung kostet 4,50 Euro, ermäßigt 3 Euro. Kinder unter sechs Jahren zahlen nichts.

Die Legende der Melusine prägt immer noch viele Orte an Frankreichs Atlantikküste, aber auch die Bietigheimer haben sie einst als Glücksbringer erwählt. Was hat sie bewirkt und auf welche Art und Weise? Auf ihrem Gang durch die Bietigheimer Altstadt wird sie es den Großen und den Kleinen verraten. Gekleidet ist sie dabei in einem schimmernden Schuppenkleid. „Kinder berühren gerne mein Kostüm und viele lassen sich mit mir fotografieren“, erzählt Ensinger. bz